100 – Kama Sutra


Das Kama Sutra stellen sich in der westlichen Welt die Meisten als altindischen Bildband mit unbequemen Sexstellungen vor. In Wirklichkeit aber war das Kama Sutra ein Buch mit praktischem Rat zu Beziehungsführung allgemein und eine komplette Philosophie…

Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/Kama_Sutra

 

#100 – Kama Sutra

Das Jahr 100 war ein wirklich interessantes Jahr. Es ist das Jahr, in dem die römische Armee über 300.000 Männer unter Waffen hatte. Es ist das Jahr, in dem Löwen in Europa aussterben. Es ist das Jahr, in dem China anfängt Papier zu benutzen und es ist das Jahr, in dem das Kama Sutra geschrieben wurde. Ob das wirklich stimmt, ist unter Experten allerdings umstritten, aber hey, es ist die Episode 100 in meinem Podcast. Ich wähle die Themen aus und deswegen beschließe ich: Ich glaube das mit der 100 und hänge dran, dass die Schätzungen zwischen 400 v. Chr. und 200 n. Chr. schwanken. Es ist jetzt nur das Kama Sutra.

In Europa denken die meisten bei Kama Sutra sofort an Sex. Und zwar die eher sportlich anspruchsvolle, unbequeme, abenteuerliche Form des Sex, mit leichter, nicht ganz zu verleugnender Verletzungsgefahr bei plötzlichen Bewegungen.

Im Buchladen des Vertrauens ist natürlich keine Sex- und Erotikabteilung komplett ohne Ausgaben des Kama Sutra, gerne auch in der modernen, fotografierten Fassung oder in der etwas weniger modern anmutenden, mit mehr oder weniger alten Illustrationen versehenen zeichnerischen Variante.

Und da finde ich, wird es mal Zeit, dass wir so ein paar Dinge über das Kama Sutra lernen. Das Kama Sutra ist ein Text, ein antiker Text und war zunächst mal nur Text. Das ist vielleicht das erste, was man nicht sofort parat hat. Diese ganzen farbigen Illustrationen, die wir im Kopf haben, die gab es im Originalwerk gar nicht. Stattdessen musste man sich durch eine ganze Menge Text lesen, ungefähr 1.250 Verse verteilt über 36 Kapitel sind in der ältesten überlieferten Variante des Kama Sutra enthalten.

Das Kama Sutra ist ein hinduistischer Text und die Hindus glauben, dass ein gutes Leben vier Prinzipien folgt. Nämlich: Dharma, also der Pflicht; Artha, das ist der Wohlstand und der Arbeit; Kama, das sind die Gefühle und die Sexualität und Moksa, das ist die Freiheit. Und daraus kann man auch den Namen des Kama Sutra herleiten. Kama = Emotionen, Sexualität. Sutra heißt buchstäblich Linie oder Pfad oder Weg.

Das ganze wurde von einem hinduistischen Gelehrten namens Vatsyayana – das habe ich jetzt garantiert falsch ausgesprochen – als eine Art Lehrbuch niedergeschrieben. Und dieses Buch hat insgesamt sieben Teile, nämlich einmal Generelle Anmerkungen, dann einen Teil über Liebe und Sex, dann einen Teil darüber, wie man eine Frau für sich gewinnt und findet, einen Teil über die Pflichten und Rechte gegenüber der Frau, dann einen Teil über die Frauen anderer Männer. Kapitel 6 beschäftigt sich mit Kurtisanen, also Liebesdienerinnen und -dienern im weitesten Sinne und im 7. Kapitel wird es dann okult. Da geht es dann darum, was man alles machen kann, um die körperliche Erscheinung oder auch das Begehren der Liebespartner um sich herum zu steigern.

Das Thema, das wir immer im Kopf haben, wenn wir Kama Sutra hören, nämlich Sex und diese Stellungen – nicht nur, dass es keine Bilder im Originaltext dazu gab, nein, es war auch nicht alles nur Sex in diesem Buch. Insgesamt beschäftigen sich eigentlich nur um die 20% des Werkes wirklich mit Sexpositionen. Alles andere ist ganz praktischer Rat, für eigentlich tägliche Beziehungsgestaltung und die Philosophie und die Theorie der Liebe der damaligen Zeit.

Was verursacht Verlangen? Wie hält man das aufrecht? Wie geht man miteinander um? Wann ist es gut und wann ist es schlecht, Verlangen zu spüren? All diese Themen waren Hauptthemen im Kama Sutra.

Es gibt auch noch andere Sutras. Das sind frei nach der Wortbedeutung immer Texte, die einen Leitfaden, eine Erklärung, eine Lehre transportieren sollen. Und von Buddha wird berichtet, dass auch er ein Kama Sutra gelehrt hat. Allerdings mit leicht anderer Ausrichtung. Er hat eher vor den Gefahren der plötzlichen Leidenschaft und des sich Hingebens an weltliche Bedürfnisse gewarnt.

Gerne mal in einen Topf geworfen wird ja Tantra, also böse formuliert: Esoterische angehauchter Hinduismus. In dem Teil von Tantra, der in der europäischen und westlichen Welt ankommt, geht es ja auch überwiegend um Sex oder zumindest sehr viel um Sex und alle damit einhergehenden Begleiterscheinungen. Und das Kama Sutra, so könnte man ja meinen, steht damit in Verbindung. Dem scheint aber nicht so zu sein.

Tantrische Texte unterscheiden sich dann doch deutlich von anderen hinduistischen Textformen und das Kama Sutra hat zwar wohl auch etwas mit Erotik und Sex zu tun, ist aber nicht dasselbe. Das hindert uns auch gar nicht daran, das alles zusammenzurühren und zynische Geister, zu denen ich jetzt natürlich nicht gehöre, können auch sagen “Ist doch eigentlich völlig Wurscht! Hauptsache es fühlt sich exotisch genug und aufregend an”.

Ich glaube Tantra und alles was damit in Zusammenhang steht, verdient vielleicht auch mal eine eigene Episode. Da gibt es so viele spannende Dinge, über die man da reden kann. Zum Beispiel die Idee der Chakren, die aus der Tantra Tradition kommen oder die damit in Verbindung stehenden Götter und mythologischen Gestalten oder die Sagen oder die Gesetze, die es in dem Umfeld gibt. Es gibt eine Menge spannender, interessanter Themen, wie gesagt.

Für heute war es das erst mal. Ende der kleinen Jubiläumsfolge 100. Woah, 100! Ich finde es großartig, dass Du heute wieder zugehört hast.

Bis bald.

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