112 Atlantropia


Zum Sendedatum der Episode (26.01.2016) genau 112 Tage eher waren folgende Nachrichten in den Medien:
https://www.tagesschau.de/archiv/meldungsarchiv100~_date-20151006.html

Eine Meldung zog mich in ihren Bann: http://www.politicalbeauty.de/rettung.html
Und ich kann mir nicht helfen, aber die Frage stellt sich: Was hindert uns eigentlich daran? Was hindert Unternehmen, Politiker, Aktivisten?
36000 Menschen ertrinken jedes Jahr im Mittelmeer.
Das sind fast 100 Menschen jeden Tag.

Vice hat sich die Frage gestellt, ob so eine Brücke realistisch ist.
Hier das Interview mit einem Bauingenieur: http://www.vice.com/de/read/bruecke-von-tunesien-nach-italien-experten-gefragt-839

Quellen zum Projekt “Atlantropia”, dem trocken gelegten Mittelmeer:
http://www.welt.de/geschichte/article120890068/Trockenlegen-des-Mittelmeers-braechte-den-Frieden.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Atlantropa
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8002537.html

Bild: Zentrum für politische Schönheit

 

#112 Atlantropia

Diese Episode ging am 26.01.2016 live. Und wenn man von diesem Datum genau 112 Tage zurückspringt und sich anschaut, was an dem Tag in den Nachrichten war, dann gab es da eine spektakuläre, interessante und aufregende Meldung.

“Österreich hat schon oft bewiesen, dass es Bedeutsames schaffen kann. Lassen Sie uns eine Brücke in die Zukunft bauen. Eine Steinbrücke von Afrika nach Europa, um das sinnlose Sterben im Mittelmeer ein für allemal zu beenden. Ein Jahrhundertwerk der Humanität. Die Brücke wurde soeben als Revision des nationalen Programms beim Forum für die innere Sicherheit eingereicht. Baubeginn ist Frühjahr 2017. Geplante Fertigstellung 2030.”

Das war jetzt ein Ausschnitt aus einem Video, was zusammen mit einer Pressemeldung an genau diesem Tag vom Zentrum für politische Schönheit veröffentlicht wurde. Das Zentrum für politische Schönheit ist eine deutsche Künstlervereinigung, die aufrütteln will und Menschen auf Missstände hinweisen wollen, durch Kunstaktionen. Und das ist eine oder der Beginn einer Kunstaktion. Denn noch während man sich wundert, wie denn Österreich auf die Idee kommt, so ein monumentales Brückenprojekt anzugehen, geht dieses Video in die etwas realisterische Forderung über, doch Notfallinseln im Mittelmeer auszusetzen. Also Inseln aus Plastik mit einem Solarpanel, mit Proviant für mehrere Wochen, mit einem Notfallarztkit an Board, auf die sich gekenterte Flüchtlinge retten können, die auf der Mittelmeerroute in Seenot geraten.

Das Kollektiv hat auch gleich eine solche Insel ausgesetzt. Die treibt jetzt da mit der europäischen und der österreichischen Flagge gehisst und ich kann mir nicht helfen. Ich halte es für eine prinzipiell gute Idee. Besonders dann, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass 36.000 Flüchtlinge jedes Jahr auf dieser Route ertrinken.

Diese Endlose Steinbrücke – die Frage, die man sich da stellen könnte ist: Ist das jetzt eigentlich vollkommener Humbug oder wäre sowas theoretisch vielleicht sogar machbar?

Gehen wir das mal durch: Die Brücke, die das Zentrum für politische Schönheit vorgeschlagen hat wäre 230 Kilometer lang. Das klingt ziemlich lang, ist aber nicht völlig aus der Welt gegriffen. Die bisher längste Brücke der Welt steht in China und die ist immerhin 164 Kilometer lang. Das ist allerdings eine Brücke über Land. Die ist nicht über’s Wasser gebaut. Die längste Brücke über Wasser ist dann doch noch mal eine Ecke kürzer und kommt auf “nur” 40 Kilometer.

Die 230 Kilometer über’s Mittelmeer haben aber auch noch andere Probleme als die reine Länge, nämlich auch noch die Tiefe, in der das Fundament gelegt werden müsste. 300 Meter tief ist das Meer da an verschiedenen Stellen und das würde das Fundament doch schon sehr komplex und aufwendig machen.

Es ist interessanterweise auch so, dass dieses vorgeschlagene fiktive Brückenprojekt nicht die erste Idee dieser Art war. Zum Beispiel bei der Straße von Gibraltar. Da meint man ja, da wären die verschiedenen Ufer nahe genug beieinander, um da eine Brücke zu rechtfertigen. Die Schwierigkeit ist, dass das Meer da auch ganz besonders tief ist und damit diese Brücke praktisch unmöglich macht.

Schwimmende Brücken sind bei solchen Längen auch nicht mehr wirklich sinnvoll machbar und eigentlich wäre es auch so, dass ein systematisch aufgebauter Fährbetrieb, die viel sinnvollere Alternative und auch wesentlich günstiger wäre. Aber wenn wir schon bei solchen monumentalen Projekten rund um’s Mittelmeer wären, dann muss man noch ein Projekt herausziehen, das in aller Ernsthaftigkeit mehrere Jahrzehnte lang in Deutschland diskutiert wurde. Nämlich ein Staudammprojekt mit dem Ziel das Mittelmeer trocken zu legen.

Das Projekt hieß Atlantropa und war ein Staudammprojekt genau vorne bei der Straße von Gibraltar und wurde von dem deutschen Architekten und Geopolitiker Hermann Sörgel bis 1952 geplant, bekannt gemacht und beworben. Die grundsätzliche Idee war den Zufluss aus dem Atlantik zu unterbinden, sodass kein zusätzliches Wasser mehr ins Mittelmeer einfließen würde und durch Verdunstung dann der Meeresspiegel immer weiter absinken würde.

Gleichzeitig könnte man ja – so das Kalkül – durch gezielten Wasserzustrom auch an diesem Staudamm natürlich ungeheure Mengen von Energie gewinnen. Und es war ein Projekt der Superlative. Nach Sörgels Konzept sollte allein das Fundament 2,5 Kilometer breit werden und die Mauer musste 300 Meter hoch werden. Die Bauzeit wurde auf in etwa 10 Jahre veranschlagt und in vier Schichten sollten je 200.000 Arbeiter eingesetzt werden.

Aber Sörgel plante auch weiter. Die Idee war einen großen Kontinent zu schaffen und durch die Absenkung wäre es dann etwa so gewesen, dass es eine Landbrücke zwischen dem Kontinent Afrika und Sizilien gegeben hätte und damit – so sagte er – hätte man eine durchgehende Eisenbahnverbindung von Italien bis runter nach Kapstadt möglich gemacht.

Seinen Berechnungen zufolge hätte man durch eine Absenkung des Mittelmeers um die 500.000 Quadratkilometer Neuland gewinnen können. Das ist in etwa die Fläche Spaniens. Und auch an existierende Denkmäler hat der Sörgel gedacht. So hat er zum Beispiel in seinen Plänen auch berücksichtigt, dass vielleicht die Venezianer nicht so begeistert sind, wenn ihre Lagunenstadt plötzlich auf trockenen Stelzen steht und hat einen künstlichen See vorgeschlagen, mit dem man die venezianische Lagune vor dem Austrocknen bewahren hätte können.

Tja, und wenn Du Dir jetzt an den Kopf fasst und sagst “Um Himmels Willen! Da ist man ja heute schlauer. So einen Quatsch würde man ja nie vorschlagen! Dann schau Dir doch mal den Flughafen in Berlin an, um zu sehen, was mit Großbauprojekten wird, die wir versuchen”. Dann lass Dir gesagt sein: Nein, es wird immer mal wieder durchgerechnet und darüber nachgedacht. Denn: Es hätte eben große Vorteile, wenn man den Zufluss zum Mittelmeer kontrollieren könnte und etwa Landgewinnung, Energiegewinnung, verschiedene andere Aspekte damit zusammenbringen könnte.

Also, es gibt ernsthafte Pläne in den Händen ernsthafter Leute, die ernsthaft diskutiert werden. Unseren Flüchtlingen wird es leider erstmal nicht helfen. Denen würde es reichen, wenn wir statt solchen Quatsch zu diskutieren und solche Geldausgaben zu planen, erst mal verhindern würden, dass sie sich überhaupt auf den Weg über die Mittelmeerroute machen müssen. Es gibt ja weiß Gott genügend andere Verkehrsmittel. Und ja: Ich gehöre in das Lager derer, die der Meinung sind, wir können den Leuten helfen und wir sollten den Leuten helfen.

Und dann können wir meinetwegen versuchen, das Mittelmeer trocken zu legen. Inseln wie Malle und Ibiza sehen bestimmt auch lustig aus, wenn der Meeresspiegel 100 Meter abgesenkt ist.  

Bis bald.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: