116 – Joan d’Arc


Der hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich dauerte 116 Jahre und brachte viele Geschichten hervor, unter anderem der Mythos von der Jungfrau von Orleans.

Bild: Wikimedia Commons

 

 

#116 – Joan d’Arc

116 Jahre dauerte der Konflikt, der heute in den Geschichtsbüchern als der sogenannte Hundertjährige Krieg steht. Gemeint ist ein Konflikt zwischen Frankfreich und England, der zwischen 1337 und 1453 herrschte. Gestritten hat man damals um Grund und Boden, weil große Teile Frankreichs in britischer Hand waren und die Briten mitregiert haben. Um die französische Thronfolge ging es auch und dann kam dazu noch ein Konflikt innerhalb Frankreichs, bei dem es um den Einfluss der Bourguignons und der Armagnacs ging.

Ach und um Schottland ging es nebenher auch noch. Ganz allgemein kann man gar nicht sagen, dass das ein großer Krieg gewesen wäre, sondern es waren eine ganze Reihe von Schlachten und Auseinandersetzungen, die in diese große Themen einsortiert werden können. Es war eine sehr unruhige Zeit. Und wie das immer so ist, in so unruhigen Zeiten, bringt jede Partei natürlich auch ihre großen Heldenfiguren hervor.

Im Falle des Hundertjährigen Kriegs gibt es eine Figur, die ganz besonders heraussticht und das ist Joan d’Arc. Die Frau, die auch unter dem Namen Jungfrau von Orleans bekannt ist.

Die Geschichte ist in der Tat bemerkenswert. Es gibt ausführliche Gerichtsprotokolle, weil Joan d’Arc wurde ja in einem viel beachteten Ketzerprozess letztlich zum Tode verurteilt. Genau genommen sogar in zwei viel beachteten Ketzerprozessen, aber da greife ich jetzt mal vor: Jedenfalls in diesen Gerichtsprotokollen steht detailliert beschrieben, was ihre Aussagen waren. Und ihre erste Aussage war, dass sie mit 13 ihre ersten Visionen gehabt hatte. Sie hat die Stimmen der heiligen Katharina, des Erzengel Michaels und der heiligen Margareta gehört und die gaben ihr den Befehl, Frankreich von den Engländern zu befreien und den französischen Thronfolger wieder zum Thron zu verhelfen. Das ist doch toll, wenn sich der Erzengel Gabriel, die heilige Margareta und die heilige Katharina Gedanken um die französische Thronfolge machen.

Jedenfalls verließ die kleine Joan dann mit ungefähr 16 Jahren ihr Elternhaus. Mit 17 Jahren versuchte Joan d’Arc dann zum ersten Mal beim Stadtkommandanten der Festung La Couleur eine Audienz zu bekommen und vorzusprechen und war da hartnäckig und bekam deswegen im dritten Anlauf wirklich Sprechzeit.

Es ist überliefert, dass sie eine erfolgreiche Prüfung ihres Glaubens ablegte, indem sie zum Beispiel ein Kreuz küsste und der besagte Stadtkommandant schickte sie dann mit einer Eskorte zum Dauphin, also zum Thronfolger. Auch den hat sie dann irgendwie überzeugt, dass sie vom Himmel gesendet wurde. Es ist nicht bekannt, wie sie das geschafft hat, aber sie soll sich mit ihm in sein Zimmer zurückgezogen haben und ihn dann einer ihrer Visionen teilhaben lassen.

Das muss man sich jetzt mal auf der Zunge zergehen lassen. Da taucht ein 17-jähriges Mädchen auf, sagt “Ich wurde vom Himmel geschickt”, küsst ein Kreuz, bekommt deswegen eine Eskorte zum Thronfolger, geht dahin, hat eine Vision bei dem im Zimmer – allein schon bis in dieses Zimmer vorzudringen, finde ich bemerkenswert – und als Ergebnis lässt dann dieser Thronfolger Joan d’Arc drei Wochen lang von geistlichen, hochgestellten Persönlichkeiten auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen. Wichtig ist in dem Zusammenhang natürlich auch ihre Jungfräulichkeit festzustellen. Das haben dann Hofdamen bezeugt. Und ab da geht es rasant weiter.

Sie bekommt dann nämlich, nachdem alle diese Tests erfolgreich verlaufen sind, eine Rüstung angefertigt und eine militärische Einheit zur Seite. Das waren ihr dann nicht genügend Leute und deswegen hat sie verschieden Räuber auch noch zu Soldaten ernannt und hinzugefügt.

Ihr erster Auftrag ist einen Proviantzug nach Orleans zu bringen. Das schafft sie auch. Und weil das so gut funktioniert hat, kommt es zum ersten Ausfall – also einer “Schlacht”, bei der Joan d’Arc auch von einem Pfeil getroffen wird, aber dann durch derartige Tapferkeit auffällt, dass ihr die Herzen des gesammten Heeres zufliegen. Als Ergebnis ziehen sich die Engländer zurück und so kann Joan d’Arc tatsächlich, wie sie auch vorhergesagt hat, an der Krönung des Dauphin zum König Karl VII. beiwohnen.

Joan d’Arc möchte dann weitere Teile Frankreichs erobern und sie scheint ein besseres Gespür für Kriegsstrategie zu haben, als die Berater des Königs und deswegen kommt es erst mal zu einigen strategischen Fehlentscheidungen vom König, bevor er dann ihr die Erlaubnis gibt, nach Paris vorzustoßen. Das geht aber schief, er wendet sich gegen sie und zieht es dann vor, einen Frieden zu schließen, wobei er auch Teile der Armee entlässt und ihr im Folgenden sämtliche Unterstützung untersagt.

Joan d’Arc wird verraten und irgendwann für eine spektakuläre Summe an die Engländer verkauft, die ihr den Prozess machen, und zwar einen Ketzerprozess. Vorwürfe sind Dinge, wie Feenzauber, Gebrauch der Alraunenwurzel, Häresie, Anbetung von Dämonen. Sie kann von den 67 Anklagepunkte bis auf 12 alle abweisen und das, obwohl sie keinen Verteidiger zur Seite gestellt bekommt.

Joan d’Arc ist von ungewöhnlich rhetorischer Gewandtheit. Sie schafft es auch, sehr geschickte Fangfragen abzuwehren, sodass es ihr nicht zum Anklagepunkt erhoben werden kann. Trotzdem wird sie 1431 eben in 12 Anklagepunkten für schuldig befunden. Zum Beispiel wurde sie wegen Mord angeklagt. Da sie nicht als Soldatin anerkannt wurde, war beispielsweise jeder Mann, den sie in Schlachten besiegte, ein Mordopfer.

Das Urteil zunächst: Tod am Scheiterhaufen. Das bringt sie dazu, dass sie zunächst mal einräumt, einen Irrglauben aufgesetzt zu sein, was bedeutet: mildernde Umstände. Wäre sie damit erfolgreich gewesen, wäre sie zu einer lebenslangen Haft – und zwar einer kirchlichen lebenslangen Haft in einem kirchlichen Gefängnis verurteilt worden.

Das war jetzt aber aus politischen Gründen nicht gewünscht. Das englische Königshaus hätte es gerne etwas deutlicher gehabt und so wird der Prozess noch mal durchgeführt. Das Ziel: Dieses Mal nachzuweisen, dass sie eine unbelehrbare Ketzerin ist.

Einer der Beweise, der dann zu ihrer Verurteilung führt, ist etwa, dass sie in ihrer Gefängniszelle wieder Männerkleidung angelegt hatte. Das war etwas, was schon im ersten Prozess sehr zu ihrem Nachteil ausgelegt worden war. Und es änderte auch nichts, dass Joan d’Arc angab, ihr wurde in der Zelle schlicht keine Wahl gelassen, nachdem man ihr alle Kleider bis auf Männerkleider weggenommen hatte und sie, um ihre Tugend zu schützen, sich ja nunmal irgendwie kleiden musste.

Abschließend wird sie auf jeden Fall verurteilt und am 30. Mai 1431 am Scheiterhaufen verbrannt. Ihr Asche wurde in die Seine gestreut, um zu verhindern, dass aus ihren Überbleibseln Reliquien werden, was aber nicht verhindern konnte, dass Joan d’Arc schon damals zu einer Nationalheldin geworden war.

24 Jahre später, nachdem der Hundertjährige Krieg zugunsten Frankreichs geendet hatte, wurde der Prozess dann auch auf Bestreben von Joans Mutter noch mal neu aufgerollt und sie wurde komplett rehabilitiert.

Heute ist sie eine französische Ikone; der Stoff von Geschichten und Büchern und die Schutzpatronin von Frankreich, Orleans, für die Telegrafie und für den Rundfunk. Und ich weiß jetzt nicht genau, ob da ein Unterschied zu machen ist, aber vermutlich werden Podcasts da auch noch mit reingerechnet.

Ach, und heilig gesprochen ist sie natürlich auch. Alles in allem eine unglaubliche Geschichte und eine Geschichte, von der es schwer fällt sich vorzustellen, dass die sich noch mal irgendwie wiederholen könnte. Aber, anders als viele anderen derartigen Geschichten, immerhin, weitgehend aktenkundig. Schon damals gab es viele Aufzeichnungen und wir haben eine Menge dieser Aufzeichnungen. Das bedeutet: Es gab sie wirklich und vieles, was wir von ihr wissen, hat wirklich so oder so ähnlich stattgefunden.

Bis bald.

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