118 – Intelligenztests


Laut Dr. Ordales geografischem Lexikon sind mit 118. Punkten die Bewohner von Hong Kong angeblich das schlaueste Volk der Welt. Allerdings lässt sich diese Behauptung eigentlich nicht mehr halten wenn man ein wenig die Funktionsweise von Intelligenztests verstanden hat.

Bild: Wikimedia Commons

 

#118 – Intelligenztests

Mit 118 Punkten auf der IQ-Skala seien angeblich die Bewohner von Hongkong das schlaueste Volk der Welt. So verriet mir ein Buch, als ich recherchiert habe, nämlich das von mir sehr geschätzte und sehr unterhaltsame Buch Dr. Ordales geographisches Lexikon und was soll ich sagen: „Was für ein Unsinn!“ Nein, die Bewohner von Hongkong sind nicht schlauer als andere und das ist besonders offensichtlich, wenn man verstanden hat, wie IQ-Tests eigentlich funktionieren. Oder vielleicht fangen wir noch einen Schritt weiter vorne an.

Wofür steht IQ eigentlich überhaupt? Wir versuchen ja irgendwie die Intelligenz zu messen, wenn wir einen IQ-Wert angeben. Und Intelligenz selbst ist gar nicht so leicht zu greifen. Da gibt es die Behauptung: Intelligenz wäre das, was man messen kann, wenn man einen IQ-Test absolviert. Nicht sehr hilfreich. Die Psychologie denkt oft von Intelligenz als eine Fähigkeit zur Problemlösung oder zur Problemanalyse. Das triffts schon eher. Gern mal unterschieden wird, zwischen fluider und kristalliner Intelligenz. Also, Wissen was wir aufgebaut haben, das wäre die kristalline Intelligenz und Problemlösungsfähigkeiten, das wäre die fluide Intelligenz. Manch einer macht noch ganz zusätzliche Skalen auf und sagt, wir haben ja auch noch eine emotionale Intelligenz, eine soziale Intelligenz usw., usw. Es kann also recht verwirrend werden.

Der erste Versuch da ein System der Messung aufzubauen hat Alfred Binet 1905 unternommen. Der hat den sogenannten Binet-Simon-Test geschaffen. Der erste brauchbare Intelligenztest mit dem man mentale Leistungsfähigkeiten messen konnte. Der Grundgedanke war, speziell Schülern einen Test an die Hand zu geben, der es ermöglicht festzustellen, mit welchen Problemen man sie schon konfrontieren kann und wie weit sie denn in ihrer Entwicklung vorangeschritten sind. Die grundsätzliche Annahme war, dass Menschen, je älter sie werden, desto reifer in bestimmten Formen der Intelligenz werden und damit ein sogenanntes Intelligenzalter erfasst werden kann.

Binet hat praktisch Aufgaben zusammengestellt die er verschiedenen Altersstufen vorgelegt hat und im Idealfall wäre es so gewesen, dass ein Kind mit Acht bestimmte Aufgaben löst, aber mit den Aufgaben eines Neunjährigen überfordert wäre. Und so ließe sich praktisch mit Hilfe von einem normierten Test feststellen, welches Intelligenzalter, sprich welchen Intelligenzentwicklungsstand, Kinder denn erreicht hätten.

William Stern nahm dann diesen Test und setzte das Intelligenzalter, was dieser Test ermittelt hat, ins Verhältnis zum Lebensalter und damit war der Intelligenzquotient geboren worden. Das Ganze dann noch mal 100 genommen, damit die Nachkommastellen verschwinden und wir haben einen sehr ähnlichen Index, wie den, den wir ihn heute im Allgemeinen wahrnehmen.

Wir reden also beim Intelligenztest von einem Test, der Aufgaben stellt und das ist ein Test der prüft, wie gut wir diese Aufgaben lösen können. Dass das nicht ganz so einfach aufzubauen ist, dürfte ziemlich offensichtlich sein. Beispielsweise kann man ja wohl schlecht Tests die auf Sprachverständnis basieren mit Menschen die nicht lesen können anwenden, oder Kindern, oder manche Tests basieren auf kulturellen Vorwissen und bestimmten in der Gesellschaft verbreiteten Verhaltensweisen. Die sind natürlich auch nicht geeignet um wirklich neutral zu vergleichen. Verschiedene Altersstufen, verschiedene Hintergründe, verschiedene Gesellschaftsschichten, alle kommen mit unterschiedlichen Vorbedingungen und werden wahrscheinlich unterschiedlich auf bestimmte Aufgaben reagieren. Gleichzeitig ist das aber auch wirklich ein Kernkonzept des IQ.

Der IQ vergleicht Menschen miteinander bzw. ermöglicht es Menschen miteinander zu vergleichen. Ein standardisierter Test der allen vorgelegt wird, wird unterschiedlich gut bearbeitet werden und man könnte die Annahme treffen, Menschen die besser abschneiden haben eine höhere Problemlösungskompetenz als solche, die schlechter abschneiden.

Erfasst man diese Werte und malt sie auf, kommt eine sehr typische, statistische Darstellung hervor, nämlich die sogenannte Bell Curve, die Normalverteilungskurve. Wir haben also bei einem gut gemachten Test relativ viele Leute die den ok absolvieren, in einem bestimmten Mittelbereich und es werden dann immer weniger Teilnehmer besonders herausragend gut sein und es gibt natürlich auch nur wenige die herausragend schlecht abschneiden.

Moderne IQ-Tests sind in der Regel relativ vielseitig. Da sind Aufgaben fürs räumliche Vorstellungsvermögen, da sind Reihen die man komplettieren muss, da sind Wortassoziationstests, wo man z.B. feststellen muss, welche Worte zusammenpassen und welche nicht usw. Alle diese Aufgaben prüfen ganz bestimmte Aspekte unserer Intelligenz. Aber damit das Ganze in irgendeiner Form ein echter Test wird muss erstmal kalibriert werden. Das heißt, ein fertig konstruierter Test muss als nächstes von einem, nennen wir es mal, Testpublikum gemacht werden, um feststellen zu können wie viele Menschen schneiden denn besonders gut, besonders schlecht oder ebenso mittelgut ab. Was ist den mittelgut abgeschnitten? Dieses Testpublikum sollte natürlich dann in etwa dem entsprechen, was wir später haben für diesen Test. Wenn wir also einen Intelligenztest für Kinder im Vorschulalter entwickeln, naja, dann muss auch diese Kalibrierung mit Kindern im Vorschulalter durchgeführt werden. Wenn wir einen Intelligenztest machen der hauptsächlich für Deutschland gelten soll und dort bitte für Menschen aller Gesellschaftsschichten, dann muss unser Testpublikum eben eine ausreichende Menge von Deutschen und Mitgliedern aller Gesellschaftsschichten gestellt werden.

Der Scheitelpunkt dieser Kurve, also der Mittelwert, also der von den meisten Menschen gegebene Ergebniswert, das ist dann das Ergebnis was wir als IQ 100 festlegen. Also jemand mit einem IQ von 100 hat dann einen durch und durch durchschnittlichen IQ-Test absolviert und ist damit in bester Gesellschaft, denn das ist der Scheitelpunkt der Kurve. Hat man einen höheren IQ, sagen wir mal 115, dann hat man besser abgeschnitten als der Durchschnitt. Hat man einen niedrigeren IQ, sagen wir mal 95, dann hat man unterhalb des Durchschnitts abgeschnitten.

Der Großteil der Bevölkerung liegt zwischen einem IQ von 85 und 115. Das ist sozusagen die Spanne in der wir uns normalerweise bewegen. Warum ist jetzt diese gesamte IQ-Testerei überhaupt relevant? Es gibt ja sogar einen Verein, nämlich die Mensa, der speziell für Leute geschaffen wurde, die bei IQ-Tests überdurchschnittlich gut abschneiden. Naja, also es ist in einem gewissen Maß natürlich relevant wie intelligent man ist, oder wie gut meine Problem- und Analysefähigkeiten ausgeprägt sind, denn rein statistisch gesehen, gibt es eine Beziehung zwischen hoher Intelligenz und Erfolg im Berufsleben und Erfolg in der Gesellschaft. Das sagt noch nichts darüber aus wie glücklich oder unglücklich man ist, aber es sagt was darüber aus, wie wahrscheinlich es ist, dass ich durch eine Universitätslaufbahn durchgehe, wie wahrscheinlich es ist, dass ich einen gut bezahlten Beruf ergreifen kann und wie wahrscheinlich es ist, dass ich ein gewisses Selbstverwirklichungspotential habe. Auch die Eignung für manche Berufsgruppen ist natürlich abhängig von genau diesen Fähigkeiten.

Aber jetzt reden wir von einer statistischen Funktion. Und wir reden von einer Korrelation und eben nicht von einer Kausalität, also von einer Ursache-Wirkung-Beziehung. Und was heißt das? Das heißt, ich kann einen relativ niedrigen IQ haben und trotzdem gut in meinem Job sein und trotzdem gut durch mein Studium gekommen sein. Ich habe mich wahrscheinlich einfach nur nicht ganz so leichtgetan. Das sagt aber noch nichts darüber aus, ob es nicht funktioniert hat und ob ich nicht damit vorwärts gekommen bin. Das sagt auch gar nichts über meine persönlichen Qualitäten aus. Auch Bildungsstand muss nicht unbedingt was damit zu tun haben. Und wir reden von einem beweglichen Ziel, denn diese Intelligenztests, wie ja schon ausgeführt, sind immer abhängig davon, mit wem ich denn jetzt eigentlich vergleiche.

Beispielsweise gibt es einen Effekt, den sogenannten Flynn-Effekt, wonach die Intelligenz in der Bevölkerung über die Zeit zunimmt. Man kann also beobachten, dass speziell auch in der westlichen Welt, die Intelligenztests von vor mehreren Jahrzehnten besser absolviert werden, als aktuelle Intelligenztests und das kann natürlich alle möglichen Gründe haben. Zum Beispiel könnten wir mit ganz bestimmten Aufgaben im Alltag öfter konfrontiert werden und damit einfach schlicht geübter sein. Bisher ließ sich dieser Flynn-Effekt auch nicht ausbremsen durch so Dinge wie Smartphones oder Fernsehen oder Spielekonsolen. Also alle die da draußen glauben, wir verdummen so nach und nach, zumindest lässt es sich per IQ-Test noch nicht so richtig nachweisen.

Und wie ist es nun mit den Bürgern von Hongkong als den schlauesten Menschen der Welt? Naja. Es gibt nun mal keinen IQ-Test der für die ganze Bevölkerung genormt ist und wie ich ja gerade vorhin ausgeführt hab, muss so ein IQ-Test nun mal immer kalibriert werden und damit ist wahrscheinlich der IQ-Test der in Asien gemacht wurde, anders kalibriert als einer, den wir in z.B. Deutschland durchführen. Last not least, das ist völliger Mumpitz so ein Ergebnis zu zitieren, ohne zu wissen, welcher Test denn nun gemacht wurde und mit wem verglichen wurde. Genauso mit Vorsicht zu genießen sind Angaben davon, was für spektakuläre Werte angeblich Einstein oder andere historische Persönlichkeiten erreicht hätten. Auch da wissen wir nicht, welcher Test ist gemeint, wurde der überhaupt jemals durchgeführt, war der kalibriert und so weiter.

Bis bald.

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