142 – The magic bus


Chris McCandless war ein amerikanischer Freigeist, der am Liebsten ohne Hilfsmittel in Einklang mit der Natur gelebt hätte, am Liebsten in Alaska. Eine Wanderung in die Wildnis brachte ihn zu einem Bus mit der Nummer 142, der auch heute noch für viele Wanderer ein Pilgerziel darstellt.

Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=9191848

 

 

#142 – The magic bus

Eigentlich mache ich den Anerzählt Podcast nur aus einem einzigen Grund: Um nämlich der perfekte Klugscheißer mit einem nicht endenden Reservoir an Partywissen zu sein. Und auch die 142 scored mal wieder volle Breitseite in dieser Ecke.

So weiß ich zum Beispiel, dass das der Anfang von 142 war, ein Song einer Band namens Crackout. Außerdem ist in der Mathematik die 142 Non totient, was immer das ist und Stoney 142 ist der Name eines indischen Reservoirs in Kanada. Und ich finde Indianer Reservoirs – habe ich indisches Reservoir gesagt? Indianer Reservoirs – haben auch mal eine eigene Episode verdient.

Hängen geblieben bin ich aber an einem anderen Thema, als ich diese Zahl recherchiert habe. Und dafür müssen wir ein bisschen ausholen: Wir sind im Bundesstaat Virginia. Virginia, sowie alle amerikanischen Staaten, hatten ein paar Spitznamen. So wird es zum Beispiel Old Dominian, Mother of Presidents, Mother of States oder The Commonwealth genannt und ist ein Staat im Osten der USA.

Die größte Stadt ist Washington. Ja, genau deswegen auch diese Spitznamen. Vielleicht auch, weil insgesamt acht amerikanische Präsidenten aus genau diesem Staat stammen. In diesem Staat jedenfalls, in Virginia, wird am 12. Februar 1968 den McCandless ein Sohn geboren – Christopher Chris Johnson McCandless. Und Chris ist ein aufgeweckter Junge. Ein Junge, der gerne draußen ist. Der Vater als NASA-Techniker, einigermaßen erfolgreich und wohlhabend drängt ihn dazu, eine Karriere anzustreben und entsprechend auch ein Studium usw. aufzunehmen, was Chris auch macht.

Chris lehnt Reichtum ab und möchte möglichst einfach und möglichst naturverbunden leben und das sieht man auch an den Reisen, die er unternimmt. Einige davon verlangen durchaus einiges ab. So setzt er sich beispielsweise in den Kopf mit einem Boot den Colorado River hinab bis zur Baja California ans Meer zu paddeln; wird dabei aber von einem Sturm überrascht und kommt fast ums Leben, weil er sein Paddel verliert.

Er hat uns ein paar Aufzeichnungen hinterlassen und in diesen Aufzeichnungen steht, dass er zwei Monate lang praktisch nur von Fischen und ungefähr zwei Kilo Reis gelebt hat. Doch da lässt er seine Reise nicht enden. Er jobbt immer wieder mal zwischendurch und trampt so weiter Richtung Alaska, durch die USA, wo er immer wieder mal Briefe und Postkarten absetzt und Lebenszeichen von sich gibt.

Alaska war ein Ziel von dem er schon etwas länger geträumt hatte. McCandless hatte einige von den Werken von Tolstoi, Henry David Thoreau oder Jack London gelesen und wollte ein Leben in Keuschheit und ohne Wohlstand, also idealerweise ganz ohne Geld führen und er predigte die Rückkehr zu einem möglichst natürlichen Leben mit der Natur. Und Alaska erschien ihm als das praktisch perfekte Ziel.

Sein Ideal war ja, so wie er es nannte “To live of the land”, also mit möglichst wenig Zivilisationserrungenschaften zu überleben. Trotzdem hat er sich für seinen letzten Trip ein Buch über die Beerenfrüchte und Pflanzen Alaskas ausgeliehen, hatte das dabei. Er hatte noch eine alte Karte, aber sonst so gut wie nichts. Und es war Winter – also Frühjahr. 40 Zentimeter Schnee lagen, es war April, als er beschloss mit seinem Abenteuer zu beginnen und an den Anfang eines Wandertrails trampte und von dort aus loszog.

Vier Tage ist er gewandert, bis er auf einen ausgedienten Bus stieß. Und dieser Bus trägt eine Nummer, nämlich die 142. Das war ein Bus, den früher einmal Straßenbauarbeiter der Utah Construction Company als Unterkunft benutzt haben. Das heißt, er hatte ein Bett und da konnte man sich durchaus auch mal eine Weile aufhalten.

Tja und bei diesem Bus machte er es sich bequem und versuchte eben in der Wildnis zu leben. Er hatte ein Kleinkaliber-Gewehr erworben, mit dem er dann eben Eichhörnchen, Vögel und auch einen Elch erlegte. Er sammelte Beeren, Pilze und wilde Kartoffeln und versuchte dann eben in diesem Bus of the land zu leben. Und da blieb er dann bis Juli. Es ist jetzt nicht so richtig mitten in der Wildnis. 30 Kilometer entfernt gibt es eine Autobahn. Wie gesagt, er ist gerade mal vier Tage von dem Ende einer Straße aus losgewandert. Es gab sehr wohl in der Umgebung – wenn er denn richtige Karten gehabt hätte, hätte er das auch gewusst – einige Hütten, einige Brücken, einige zivilisatorische Errungenschaften, aber da wo er nun in diesem Bus lebte, fühlte es sich so an, als wäre der Bus das einzige Stück Zivilisation weit und breit.

Im Juli dann beschloss er doch wieder zur nächsten Ansiedlung zurückzukehren. Jetzt war es aber so, dass auf dem Wanderweg Richtung Bus ein Fluss zu überqueren war. Und der war wegen dem frühlingshaften Tauwetter inzwischen zu einem regelrechten Strom angewachsen und konnte nicht mal eben so überquert werden.

Tja und dann kehrte Chris eben wieder zu dem Bus zurück, in der Hoffnung, dass entweder der Fluss wieder abschwellen würde oder aber mit Einsetzen der Jagdsaison ortskundige Jäger vorbeikommen würden, mit deren Hilfe er wieder zurück Richtung der so verhassten Zivilisation kommen könnte. Und das – Du vermutest es wahrscheinlich – hat so nie funktioniert. Man weiß nicht genau, woran Chris zum Schluss gestorben ist, aber nach ungefähr 113 Tagen alleine in der Wildnis, ist er vermutlich entweder an einer Vergiftung oder an allgemeiner Unterernährung und Schwäche verstorben.

Jedenfalls fanden ihn gerade mal 19 Tage später Elchjäger und haben die Geschehnisse dann soweit es ging dokumentiert und rekonstruiert. Die ganze Geschichte wurde dann in den USA regelrecht berühmt, als ein Reporter des Magazins “Outdoor” sich daran machte, die Geschehnisse genau aufzuzeichnen und zu dokumentieren, darüber auch ein Buch schrieb, das dann auch noch Vorlage für den Film “Into the wild” wurde. Was übrigens ein verdammt guter Film ist, nur so als Empfehlung, auch wenn er zugegebenermaßen kein Happy End hat.

Was an der ganzen Geschichte besonders tragisch ist, ist dass Chris eigentlich sehr einfach hätte überleben können, wenn er denn etwas mehr Vorbereitung investiert hätte. Eine kleine Wanderkarte der Region zum Beispiel hätte ihm verraten, dass 400 Meter flussabwärts eine Fährstelle war mit einer Seilzugfähre. Auch gab es wie gesagt ein paar Hütten. Wenige Kilometer entfernt war zum Beispiel eine Hütte der Nationalparksverwaltung.

Was jedenfalls unklar ist, ob es nun wirklich Leichtsinn, Dummheit oder einfach eine Verkettung unglücklicher Umstände war, die ihn das Leben gekostet hat. Es gibt in der Region durchaus einige Pflanzen an denen man sich vergiften kann und das sind dann Vergiftungen, die zum Beispiel Lähmungserscheinungen hervorrufen. Und wenn man erst mal gelähmt in einem Bus liegt und vielleicht sowieso schon nicht besonders viel auf den Rippen hat, dann geht die Sache unter Umständen ja auch wesentlich schneller als bei einem normal gesunden Menschen.

Wir wissen so einiges über die Zeit, die Chris in diesem Bus verbrachte, denn er hat Tagebuch geschrieben. Und wir wissen auch ungefähr, wann eben diese Einträge aufgehört haben. Eine der letzten Nachrichten, die wir von ihm haben, ist eine SOS Nachricht, die er an den Bus geschrieben hat, um, falls er versucht irgendwo gerade Beeren oder ähnliches zu finden, eventuell vorbeikommende Wanderer auf sich aufmerksam zu machen.

Und den Bus gibt es auch noch. Der steht immer noch an der Stelle, ist ein beliebtes Ziel und sozusagen Gedenkstätte, wenn man es so nennen möchte, für Wanderer in dieser Region. Der Bus hat jetzt den Spitznamen “The magic bus” und manch einer geht dahin, über sich, seinen Platz in der Welt, über idealistische Vorstellungen, Zivilisation oder vielleicht auch die etwas dunkleren Seiten bis hin zu der Frage, ob sich Chris denn eigentlich im Wesentlichen umbringen wollte, nachzudenken.

Bis bald.

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