149 Frucht oder Gemüse?


In den USA sind Präzedenzfälle, also Urteile mit Richtungswirkung wichtiger als bei uns. Im Fall Nix v. Hedden am US Supreme Court ging es um nicht weniger als um die Frage ob Tomaten nun als Frucht oder als Gemüse anzusehen sind und die Verhandlung bestand unter anderem aus Wörterbuchanalyse. Ich stelle mir vor, dass die beteiligten Juristen damals ernsthaft in Frage stellten ob sie die richtige Branche gewählt hatten. Trotzdem ist dieses Urteil, gefällt im vorletzten Jahrhundert, bis in die Neuzeit wirksam…

Nix v. Hedden, 149 U.S. 304 https://en.wikipedia.org/wiki/Nix_v._Hedden

https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_New_Jersey_state_symbols

Bild: CC0, Pixabay: https://pixabay.com/en/tomato-vegetables-fresh-supermarket-1129779/

 

 

#149 Frucht oder Gemüse?

Du hast doch bestimmt auch schon einmal davon gehört, dass in der EU so Dinge wie Gewicht und Form von Bananen beschlossen und als Handlungsverordnungen herausgegeben wurden oder aber definiert wurde, wann ist eine Karotte eine Karotte, etc. Und wenn Du jetzt darüber immer mal den Kopf schüttelst und Dir denkst Ja, mag ja sein. Das macht ja vielleicht den Handel einfacher, aber es ist auch total absurd und Sowas können auch nur die über regulierenden Europäer tun, dann sei Dir gesagt: Dem ist nicht so.

Heute geht’s nämlich um einen Rechtsfall in den USA. Deren Rechtssystem funktioniert ja anders, als unseres in Deutschland. Viele Rechtsaussagen werden da getroffen, indem sie dort einmal durch gestritten werden. Die Arbeit von Anwälten und Richtern ist dann eben auch, alle diese Präzedenzfälle, die schon einmal zu einem erfolgreichen Schiedsspruch geführt haben, parat zu haben. Solche Präzedenzfälle können dann manchmal sehr weitreichende Wirkungen haben, sind dann später Argumentationsgrundlage für viele, viele andere Entscheidungen und je mehr andere Entscheidungen sich auf diese Präzedenzfälle stützen, desto mehr Gewicht, Stabilität und Berechtigung haben diese Aussagen dann.

Aber zurück zu unseren Bananen oder Karotten oder, wie in dem vorliegenden Fall, zur Tomate. Es ist ja schließlich so, dass solche Diskussionen und Entscheidungen immer auch einen seriösen, ernsthaften Hintergrund haben und der hat meistens auch rechtliche Gründe, nämlich zum Beispiel Handelsrecht, das unterschiedlich besteuert oder unterschiedliche Gebührenordnungen vorsieht.

So ging es auch im Jahr 1892 bei John W. Nix und Edward L. Hedden darum, eine solche Streitigkeit zu klären. Mr. Hedden war nämlich Collector of the Port of New York, also so eine Art Gebühreneintreiber für den Hafen in New York. Und John Nix war jemand, der Handel trieb. Und der vorliegende Streitfall, nämlich Fall 149 des US Surpreme Courts ging am 10. Mai 1893 damit folgerichtig der Frage nach, ob die Tomate denn nun eine Frucht oder Gemüse sein sollte. Das war nämlich nicht so ganz eindeutig definiert bzw. es gab Wörterbuchdefinitionen, die von der botanischen Definition abwichen und im Ergebnis machte das dann Bargeld aus. Es wurden unterschiedliche Gebühren verlangt.

Was im vorliegenden Fall Nix vs. Hedden Interessantes ist gleich mehrerlei: 1. ist es ein Surpreme Court Case. Das heißt, das wurde eskaliert bis zum höchsten amerikanischen Gericht. 2. In diesem Fall, der dann zum Schluss einstimmig beschlossen wurde und es wurde damals einstimmig festgelegt, die Tomate wäre ein Gemüse – in diesem Fall nun, wurden vor Gericht zum Beispiel handelsübliche Wörterbücher vorgelesen, wie zum Beispiel das Webster’s Dictionary. Beide Streitparteien lasen aus Wörterbüchern vor. Das hohe Gericht durfte sich die Definitionen der Worte Pea, Eggplant, Cucumber, Squash, Pepper oder auch von Potato, Turnip, Parsnip, Cauliflower, Cabbage, Carrot und Bean anhören. Das heißt, einmal quer durch den Gemüsegarten und es muss großartig gewesen sein, die wirklich wichtigen Dinge zu verhandeln.

Am Ende fällte das Gericht dann auch eine Entscheidung basierend auf besagten Definitionen. Es hätte ja wahrscheinlich auch nicht geholfen, einen Botaniker reinzuholen, denn Gurken und Tomaten sind ja in der Tat botanisch als Beeren anzusehen. Die Begründung, die das hohe Gericht zum Schluss verlas, enthielt unter anderem die Aussage, dass Tomaten nunmal nicht als Dessert gegessen würden, sondern als Beilage zum Hauptgang oder in Salaten und damit mehr den Gemüsesorten zuzurechnen seien, als den Früchten. Und weil man dann schon dabei war, wurde dann eben in dieser Verhandlung vom selben Richter auch noch gleich Cucumber, Squash, Pea and Bean fertig definiert, um gleich mal auszuschließen, dass wenige Monate später vielleicht dann das nächste Verfahren rund um die Bohne oder rund um die Gurke anhängig wäre.

Und weil der Amtsschimmel so schon wiehert, hat das dann Auswirkung bis in die Neuzeit. 2007 wurde sich nämlich auf genau dieses Urteil bezogen, als New Jersey die Tomate zu seinem offiziellen Symbolgemüse und eben nicht zur Symbolfrucht erklärte. Denn eine offizielle Frucht gibt’s auch seit 2003, die Blueberry – die Blaubeere. Das ist die offizielle Staatsfrucht. Ein Glück, dass wir das jetzt auch wissen und alles nur wegen US Surpreme Court Decision 149.

Bis bald.

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