253 – ein interaktiver Internetroman


253 ist ein nicht-linearer Roman von Geoff Ryman aus den neunzigern der den Weg von 253 Passagieren in der Londoner UBahn verfolgt.

http://www.ryman-novel.com/
https://en.wikipedia.org/wiki/253_(novel)
https://de.wikipedia.org/wiki/Geoff_Ryman
https://de.wikipedia.org/wiki/Philip_K._Dick_Award
Bild: By Source (WP:NFCC#4), Fair use,https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=42864292
Sound: CC-BY-NC, https://www.freesound.org/people/ERH/sounds/61027/

 

#253 – 253- ein interaktiver Internetroman

Mit der Erfindung des Buchdrucks kam die Art und Weise in unser Leben, wie wir auch heute noch Romane, Bücher, Artikel konsumieren. Denn die natürliche Art und Weise sich durch Seiten zu blättern ist nunmal linear. Der Reihe nach. Eine Seite nach der anderen. Der natürliche Fluss, in dem wir dann dort Text präsentiert bekommen, ist ebenso linear. Das Geschriebene auf der nächsten Seite baut im Allgemeinen auf den Worten der vorghergehenden Seite auf.

Das kann natürlich auch mal durcheinander geworfen werden. Das heißt, wir probieren Dinge in Kapitel und wir zerstückeln Geschichten dann über die Seiten hinweg, aber es gibt nur sehr wenige Beispiele für Bücher, in denen wir ständig aufgefordert sind, zwischen verschiedenen Seiten der Bücher hin- und herzuwechseln oder auch mal eine Seite doppelt und dreifach zu lesen. In Romanen kommt das praktisch nie vor.

Aber ist das zwingend so? Muss das so sein? Ich glaube, schon mein Vorschlag von eben, dass man zwischen den Seiten auch hin und her wechseln könnte, legt nahe: Nein, das muss nicht so sein. Das ist nur der Weg des geringsten Widerstandes und damit auch der Weg, den wir als Leser bereit sind zu akzeptieren. Spannend wird dieser Gedanke allerdings dann im Internet. Denn auch das Internet ist ein Schriftmedium. Auch wenn wir sehr viel Video schauen inzwischen, wird doch auch sehr viel gelesen. Das ist erstaunlich, wie linear doch wieder konsumieren. Jeder Artikel, jeder elektronische Roman, jede Geschichte, die uns online erzählt wird, scheint genauso linear aufgebaut zu sein, wie es eben auch in den Romanen, die aus der Druckerpresse fallen, der Fall ist.

Aber: Es gibt Ausnahmen. Und speziell im Internet gibt es ja auch viele Möglichkeiten diese Ausnahmen Wirklichkeit werden zu lassen. Denn mit dem Konzept des Links kann man ja beliebig viel zwischen verschiedenen Stellen einer Geschichte hin- und herspringen und sie sozusagen verbinden, ohne einen zwingenden Übergang zu machen. Und mit diesem Gedanken sind wir bei Geoff Ryman.

Geoff Ryman ist ein mehr oder weniger bekannter Autor. Seine erste Veröffentlichung hatte er mit sechs Jahren und seitdem hat er nicht mehr aufgehört zu schreiben. Der Anlass für die heutige Anerzählt Episode 253 ist der gleichnamige Roman von Geoff Ryman. Der wurde nämlich in den 90er Jahren als Webseite veröffentlicht. Die Handlung des Romans spielt in der London Underground – also in der U-Bahn. Und zwar speziell in der Bahn, die zwischen den Stationen Embankment und Elephant & Castle am 11. Januar 1995 verkehrt. Diese U-Bahn hat sieben Wagons und in jedem Wagon sind 36 Passagiere. Dann gibt es noch einen Fahrer – macht zusammen 253 Leute. Und um diese 253 Leute dreht sich auch der gesamte Roman. Und als Leser surft man durch diesen Roman. Das heißt, diese Webseite hat wirklich für jede einzelne Figur Hintergrundinformationen parat, die mit Links gespickt ist. Der Einstieg in den Roman, das ist der Fahrplan. Die verschiedenen Stationen der Bahn, die sie durchfährt, die geben dem ganzen Roman natürlich auch einen zeitlichen Ablauf.

Als Leser nehme ich mir also diesen Fahrplan vor und springe an eine der Stationen. Dann wähle ich einen Wagon aus, navigiere zu einer Figur und lese dann auf der Seite etwas über diesen Menschen. Wie er aussieht, was er gerade in diesem Augenblick tut. Und diese Texte enthalten weitere Links zu Hintergrundinformationen. Zum Beispiel erfährt man, dass der Fahrer unter anderem auch ein Lehrer ist und der Text informiert uns, dass er an der School of Oriental and African Studies lehrt. Und das ist ein Link, dem man folgen kann.

Welchen Verlauf die Geschichte nimmt, hängt also zum Teil davon ab, auf welchem Weg wir als Leser durch diese Webseite surfen. Und zwar sowohl, was die Akteure angeht, als auch den eigentlichen Ablauf oder eben auch den zeitlichen Verlauf. Durch die Links werden die Figuren in Beziehung zu einander gesetzt. Wir erfahren also viel darüber, was diese Menschen miteinander zu tun haben und das ist interessanterweise auch ein großer Unterschied zwischen dieser Online Version des Romans und einer dann veröffentlichten Druckvariante.

Die Druckversion hat Geoff Ryman dann den renommierten Philip K. Dick Award eingebracht. Er sagt selber über diesen Roman, dass er im Gegensatz zu der Online Version eigentlich über die Unterschiede zwischen diesen Menschen ist und das läge an der Struktur des Romans und an dem Printmedium, während man in der Webseite mehr über die Gemeinsamkeiten erfährt, indem man einfach den Links folgt, die einen jetzt mit anderen Personen verbinden.

Spannende Idee. Spannende Webseite. Spannendes Konzept. Und ich will jetzt auch nicht lügen: Nicht ganz unanstrengend. Also durch die Seite durchzusurfen ist ganz nett. Den Roman dort komplett zu lesen, das muss man mögen. Da muss man Gefallen dran finden. Aber es ist allemal super interessant als Roman und super interessant als Idee.

Viel Spaß damit, bis bald!

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