292 Stimmen für die Verhüllung des Reichstags


Die Berliner staunten nicht schlecht als nach 24 Jahren ihr Reichstagsgebäude zum Kunstwerk wurde und für zwei Wochen in silbrigen Stoff gehüllt wurde. Für das Ehepaar Christo und Jeanne-Claude war es die Krönung ihres künstlerischen Schaffens und ihr bisher berühmtestes Werk.

Themenpatin: @wunnebar

Entscheidung für Reichstagsverhüllung
http://www.art-magazin.de/kunst/15255-rtkl-christos-verhuellung-des-reichstags-das-glanzstueck
http://www.bundestag.de/mediathek/?action=search&contentArea=details&instance=m187&mask=search&id=6215893&categorie=Reportagen
https://de.wikipedia.org/wiki/Verh%C3%BCllter_Reichstag
https://www.youtube.com/watch?v=ZV-h4BqS1gg

Bild: Von Claude Lebus, CC BY-SA 3.0 de,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12752657

 

#292 Stimmen für die Verhüllung des Reichstags

Wer das Kunstwerk, um das es gleich gehen wird, live gesehen hat oder Bilder davon, dem war wahrscheinlich nicht bewusst, wieviel Vorbereitungen da reingeflossen sind. 24 Jahre lang und 11 Mio. Mark damals noch hat es gekostet, umzusetzen, was sich das Ehepaar Christo ausgedacht hatte.

Die Rede ist natürlich von der Verhüllung des Reichstags, die 1995 stattfand, nachdem vier Bundestagspräsidenten sich geweigert hatten dem Kunstprojekt zuzustimmen bis Rita Süßmuth schließlich ein Einsehen hatte. Aber es hat nicht gereicht, dass die formale Hausherrin des Reichstags ihre Zustimmung gegeben hatte, sondern es musste auch noch eine Debatte her.

Bundestagsdebatten dienen in nennenswerter Weise der Information der Öffentlichkeit. Das heißt, eigentlich sind in Bundestagsdebatten viele Themen schon durchgearbeitet. Arbeitsgruppen haben alle Nuancen ausgeleuchtet. Es sind die Positionen der verschiedenen Fraktionen und Parteien bekannt und trotzdem findet eine formale Diskussion statt, die in der Öffentlichkeit verfolgt werden kann und deren Transkript und oft auch Video- und Audioaufzeichnungen auch heute noch verfügbar sind.

Und damit sind wir beim Themenanker der heutigen Sendung. Es waren nämlich 292 Stimmen, die den Ausschlag gaben. Und es gibt auch eine Themenpatin – die Twitternutzerin @wunnebar schlug dieses Thema für den Anerzählt vor. Und da würde ich jetzt mal sagen: Hören wir doch mal gerade in die Diskussion von damals rein. Und hör mal genau hin – da gibt es einige Politiker, die man auch heute noch in den Nachrichten sehen kann. Allen voran der Herr Schäuble.

“Christos Umhüllung des Gebäudes mit Stoff gibt dem Bau eine neue überraschende ästhetische Gestalt. Er eröffnet uns die Chance, diesen Bau in seiner Eigenart anders wahrzunehmen. Christos Umhüllung des Reichstagsgebäudes kostet den Steuerzahler nichts. Er bezahlt diese Aktion selbst aus den Erlösen seiner Zeichnungen, seiner Bilder, seiner Lithografien, seiner Bücher und Plakate. Wenn Herr Christo vorschlagen würde das Capitol, das Parliament Buildung oder die Assemblee Nationale einzupacken, dann würde ein Sturm der öffentlichen Entrüstung ihn und das Projekt hinwegfegen.

Ich fühle mich an DDR-Zeiten erinnert, als das Politbüro, nicht eine Kunstkommission oder der Direktor des Palastes der Republik darüber entschied, welche Künstler im Palast der Republik ausstellen können und welche Bilder ausgestellt werden. Es ist nicht Aufgabe des Bundestages, über so etwas zu entscheiden. Der Reichstag wird durch Christos Verhüllung nicht entweiht, er wird geadelt. So merkwürdig das für ein Haus der Demokratie auch klingen mag.

Nachdem diese Debatte jetzt notwendig geworden ist, sollten wir entscheiden und jedes Mitglied des hohen Hauses sollte dabei nicht nur an seinen persönlichen Geschmack, sondern vor allem daran denken, was das Beste für unser Gemeinwesen ist; wie wir Nutzen mehren und Schaden von ihm wenden können.

Denn die Verhüllung ist, zumindest diesen Wert hat sie, eine spektakuläre Aktion gegen Nationales und gegen sonstiges deutsches Spießertum – Frau Präsidentin, ich danke Ihnen.”

Ja, Du hast richtig gehört: Die Kosten, also diese 11 Mio. Mark, haben damals das Ehepaar Christo selber aufgebracht und ganze zwei Wochen lang wurde der Reichstag aus dem Stadtbild entfernt oder besser gesagt, durch eine verhüllte Version ersetzt. 100.000 Quadratmeter silbrig glänzendes Gewebe wurde dafür über das Gebäude geworfen und mit ungefähr 15 Kilometer blauem Seil fixiert. Der Stoff wurde mit Eisenbarren beschwert, sodass er nicht frei rumlabberte und die brachten über 1.000 Tonnen Gewicht auf die Waage.

Und die Vergänglichkeit dieses Kunstwerks war Teil des Kunstwerks selber. Es sollte eben klar werden, dass Kunst auch nicht ewig existiert. Und das Ehepaar Christo, das schon zuvor mit anderen verhüllten Bauwerken aufgefallen war, verdienten an der Verhüllung selbst keinen Cent, was immer wieder für Unglauben sorgte. Es war kein Cent vom Steuerzahler im Spiel. Sie behielten sich keine Rechte für TV oder Print vor, die den Reichstag zeigten, sondern vergaben die Rechte unentgeltlich an einen Verlag, der dann letztlich die Bilder und Postkarten etc. produzierte.

Sie waren auch nicht daran interessiert, Geld durch TV-Übertragungen zu verdienen. Die Rückfinanzierung wurde ausschließlich durch den Verkauf ihrer bestehenden Kunstwerke und die Einnahmen durch Ausstellungen betrieben. Sponsoren wiesen sie ab. TV-Übertragungsrechte waren nichts, woran sie interessiert waren und so wurde dieses Kunstwerk wirklich als Kunstwerk inszeniert.

Aber Naivität kann man ihnen dann auch nicht unterstellen. Sie haben dann später Geld an ihren eigenen Werken verdient und natürlich hat das Ehepaar Christo den Reichstag fotografiert und Kunstdrucke angefertigt und Statuen usw. und die kosten auch eine Stange Geld. Bis zu 15.000 Euro muss man hinlegen, wenn man einen hochwertigen Kunstdruck aus der Hand des Künstler-Ehepaars haben möchte. Geschichte haben sie jedenfalls geschrieben damit und gezeigt, dass Kunst grenzenlos ist und überall stattfinden kann – im öffentlichen Raum, genauso wie im politischen Raum, genauso wie in Museen oder Parks.

Bis bald.

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