75 – Nasubi


Der Bezug zur 75 ist in der heutigen Episode das Geburtsjahr unseres Protagonisten (1975) – jaja, ich weiß… hauchdünn… Was soll ich sagen, die Geschichte ließ mich einfach nicht los.

Sein Name: Nasubi, was übersetzt Aubergine heißt. Es ist der Spitzname eines japanischen Comedians, der 1998-2002 ohne sein Wissen in einer unmenschlichen Reality TV Show steckte und eine Art live übertragenes Psychologie-Experiment war.

https://en.wikipedia.org/wiki/Nasubi
Der US Podcast, in dem ich zum ersten Mal von dieser Geschichte hörte, incl. Interview mit Nasubi und dem damaligen Regisseur:http://www.thisamericanlife.org/radio-archives/episode/529/human-spectacle

 

#075 – Nasubi

Ich denke mal, wenn man sich Fernsehen anschaut und an einem Ende des Spektrums die originalgetreuen künstlerisch wertvollen Verfilmungen und hochwertiger Literatur hat, dann steht am anderen Ende dieses Spektrums Skripted Reality TV. Also diese Sendungen, die aussehen sollen als wären sie real, aber in Wirklichkeit sind sie geskriptet. Frauentausch ist da ein Beispiel. Und jetzt wäre es natürlich total einfach, das als Unterschichtenfernsehen abzutun. Die Wahrheit ist aber, die Einschaltquoten geben den Sendern recht.

Erfunden haben es wahrscheinlich die Holländer mit einer Sendung namens Nummer 28 und wir haben uns, wie der ganze Rest der Welt natürlich fleißig adaptiert. Big Brother zum Beispiel. Das ist dann noch mal eine weitere Kategorie. Crossovers aus verschiedenen Formaten: Game Show plus Reality TV. Serie plus Reality TV. Es gibt alle möglichen Varianten, die man dort kombinieren könnte. Und die Meister in seltsamen, peinlichen, bis ins Schmerzhafte hinein verdrehten Fernsehens sind ganz eindeutig die Japaner.

So gibt es zum Beispiel in Japan eine Fernsehsendung, in der Hetero-Männer vor laufender Kamera von homosexuellen Prostituierten zum Orgasmus gezwungen werden. Und je nachdem wie lange sie dem widerstehen können oder ob sie überhaupt widerstehen können, gibt es Preisgelder. Und das ist dann ein Crossover aus Game Show, Reality Show, Porno, Comedy und eigentlich für uns kaum vorstellbar.

Wo mir wirklich der Kinnladen runter fiel war jedoch, als ich die Geschichte einer ganz speziellen Reality Show gehört habe, nämlich eine Show, die vom Januar 1998 bis zum März 2002 lief und als Star Nasubi hatte. Nasubi ist das japanische Wort für Aubergine und Nasubi trägt diesen Namen als eine Art Spitzname oder Künstlername, weil er ein ziemlich langes Gesicht hat. Und Nasubi ist ein japanischer Comedian. Die Geschichte geht dann ungefähr so: 1998 gibt es eine japanische Game Show – Susunu! Und diese Game Show es eine Art Lotterie und es gibt einen Gewinn, nämlich einen Showbusiness bezogenen Job.

Nasubi spielt mit und wird ausgewählt und was er dann gesagt bekommt, ist: Er muss eine Challenge bestehen. Eine Challenge, in der er Gutscheine und Gewinnspiele ausfüllen muss, bis er insgesamt 10.000 US Dollar gewonnen hat. Er fängt mit 0 an und 10.000 US Dollar ist das Ziel. Und wenn er diesen Preis errungen hat, dann bekommt er seinen Showbusiness Reality Job.

Nasubi stimmt zu, ihm werden die Augen verbunden und er wird an einen geheimen Ort gebracht. Die Binde wird ihm abgenommen, er steht in einem leeren Zimmer und erfährt, dass er außer den Zeitschriften dort nichts haben darf und sich deswegen jetzt gefälligst auszuziehen hätte. So soll er in diesem Zimmer bleiben, bis er seinen Gewinn – die 10.000 Dollar, das sind übrigens ungefähr 1 Mio. Yen – gewonnen hätte. Und ja, auch essen muss er über diese Gewinne bestreiten.

Nasubi ist perplex, macht aber mit. Er zieht sich aus, fängt an, sich durch diese Zeitschriften zu hangeln und wird die ganze Zeit gefilmt. Diese Sendung, Nasubi nackt in diesem Raum, gefilmt von versteckten Kameras, wird in Japan der Hit! Immer wenn Nasubi aufsteht und man seine Genitalien sehen könnte, wird eine große Aubergine an dieser Stelle eingeblendet und während er übertragen wird, machen alle möglichen Menschen um ihn herum irgendwelche Faxen. Es gibt Einblendungen, es wird über ihn gelacht, es gibt eine ganze Serie von Werbeartikeln, die mit Nasubi als Konterfei produziert werden usw. Alles Dinge, nach denen er vorher nicht gefragt wurde und die ohne seine Zustimmung passieren und ihm nicht bewusst sind.

Er nimmt an Gewinnspielen teil und einer der ersten Dinge, die er gewinnt, sind irgendwelche zuckrigen Limonaden. Irgendwann hat er eine Packung Reis. Er hungert tatsächlich in dieser Sendung und zu keinem Zeitpunkt schafft er es Kleidung zu gewinnen. Das heißt, er ist über die gesamte Sendung hinweg komplett nackt. Er gewinnt irgendwann mal ein ausgestopftes Tier, das er dann adoptiert und in dieser gesamten Zeit machen sich die Leute über ihn lustig und man sieht in den Aufzeichnungen, in den Videos deutlich, wie er abmagerte, dass er manchmal wirklich am Rande des Irrsinns da drin unterwegs ist und das ganze ist ein riesengroßer Comedy-Hit.

Ich habe von dieser Geschichte in einem amerikanischen Podcast zuerst gehört. Und dieser amerikanische Podcast interviewte den Regisseur und Nasubi. Und es kommt wirklich sehr glaubwürdig raus, dass Nasubi im Ernst keine Ahnung hatte und dass Nasubi mehr oder weniger keine Wahl hatte. Das ganze war aufgesetzt wie eine Art psychologisches Experiment. Und er hätte zwar zu jedem Zeitpunkt einfach raus gehen können, aber er hat es nicht getan.

Die Sendung gipfelte dann in einem Moment, nach mehr als 15 Monaten, als Nasubi 10.000 Dollar gewonnen hatte. Die Tür öffnete sich und es kamen Leute herein und haben ihm gratuliert, haben ihm Kleidung gegeben und haben ihn zur Feier des Tages auf einen spontanen Urlaubstrip nach Korea mitgenommen. Sie sind mit ihm nach Korea geflogen, er hat einen schönen Tag verbracht, auch das wurde natürlich alles gefilmt übertragen und als dann dieser Tag vorbei war, haben sie ihm gesagt, dass er zwar den Flug nach Korea gewonnen hatte, aber nicht den Rückflug. Und um sich den Rückflug zu verdienen, müsste er jetzt dort in Korea in einem anderen Zimmer, auch wieder nackt, so viele Gewinnspiele zusammen spielen, bis er wieder in die Heimat zurückkehren durfte.

Und dieser Moment war für Nasubi eine Art Zusammenbruch. Er hat sich wieder ausgezogen und hat noch mal drei Monate mitgemacht. Das absolute Finale war, als er wieder genügend Gewinne eingefahren hatte, um nach Hause zurückkehren zu dürfen, wurde er wieder mit verbundenen Augen ins Flugzeug gesetzt. Man flog mit ihm nach Japan, man brachte ihn in ein Zimmer und entfernte die Augenbinde und da sah er, dass er schon wieder in so einem Zimmer war. Woraufhin er sich, ohne ein Wort abzuwarten, spontan gleich wieder ausgezogen hat.

In dem Moment, in dem Nasubi dann nackt in diesem Raum wieder in Japan stand, fielen die Wände um und er befand sich in einem Fernsehstudio mit tausenden von kreischenden Zuschauern und war vollkommen fertig. Weil er wusste ja nicht, dass er zu einem Fernsehphänomen geworden war und dass jeder im Land sein Gesicht kannte und ihn seit über einem Jahr täglich dabei zusehen konnte, wie er versuchte, nackt in seinem Raum sitzend, irgendwelche Gewinnspiele zu gewinnen, um Reis in Zuckerlimonade zu kochen.

Der Regisseur hat einiges an Kritik einstecken müssen. Ihm wurde vorgeworfen unmenschliches Fernsehen zu produzieren, Nasubi gegen seinen Willen für ein Experiment missbraucht zu haben und eigentlich nur auf Profit aus gewesen zu sein. Er aber behauptet, er hätte versucht Menschlichkeit ins Fernsehen zu bringen und zu zeigen, wie wir Menschen sind, wenn wir auf’s Wesentliche reduziert werden. Nasubi machte gute Miene zum bösen Spiel, also auch in diesem Interview war er mehr oder weniger versöhnlich. Man hörte aber durchaus raus, dass das Ganze einiges an Trauma hinterlassen hat.

Und dass es überhaupt eine Fernsehsendung nach diesem Schnittmuster geben kann, sagt einiges darüber aus, zu was wir Menschen und zu was Medien fähig sind, wenn sie ohne Grenzen arbeiten dürfen. Tja. Was soll ich sagen? Im Vergleich: Frauentausch oder Big Brother – völlig harmloser TV-Mumpitz. Und das ist gut so.

Ach und warum überhaupt japanisches TV und Nasubi? Ich gebe zu, heute ist der Link ein bisschen dünn, aber Nasubi wurde ´75 geboren und ich wollte unbedingt mal über japanisches TV und speziell diese Sendung reden. Ich denke, das ist okay oder? Viel Spaß Dir noch.

Bis bald.

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