81 Worte


81 Worte, so lange war der Text, der im DSM noch in den 70ern Homosexualität zur psychischen Krankheit erklärte… Der Anerzähler nimmt das als Anlass um über die Geschichte zu sprechen, die die gleichnamige Podcast Episode aus This American Life erzählt.

 

Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/Gay#/media/File:Rainbow_flag_breeze.jpg

Musik: Sooner or Later (Dimlight Remix) by Dimlight (c) 2009 Licensed under a Creative Commons Attribution Noncommercial (3.0) license.

 

#081 Worte

Ich höre viele englische Podcasts. Und manchmal habe ich das Gefühl, praktisch alle hochwertig produzierten englischsprachigen Podcasts und garantiert die, die aus dem öffentlichen Radio zu stammen scheinen, NPR – National Public Radio – lassen sich auf die Handschrift eines einzelnen Mannes zurückführen.

Die Rede ist von Ira Glass, dem Host und Macher einer schon ziemlich lang produzierten, fantastischen Sendereihe namens This american life. This american life macht etwas, das sich narratives Storytelling nennt. Das heißt, es werden Geschichten erzählt. Und diese Geschichten werden kunstvoll mit Musik, mit Reportage, mit Sprechteilen, mit Expertenstimmen usw. verwoben, sodass Ira praktisch nur noch alles ineinander übergehen lassen muss.

Und der heutige Anlass für diese Episode ist eine solche This american life Geschichte. Und zwar eine Sendung mit dem Titel 81 Words. Er leitet eine, indem er über Stifte redet. Die Stifte nämlich, mit denen Gesetze unterzeichnet werden. Es ist nämlich so, dass Stifte, die zur Unterzeichnung von Gesetzen in den USA benutzt werden, oft weiter verschenkt werden. Der amerikanische Präsident nimmt diese Stifte in der Regel nur einmal her. Und nachdem die Unterschrift unter das Gesetz gesetzt wurde, gibt er ihn an ein verdientes Mitglied der Gesellschaft weiter. Und dann hat jemand diesen Stift. Und dann kann man sich natürlich vorstellen, wie man von Zeit zu Zeit diesen Stift rausholt und draufschaut und sich zum Beispiel vorstellt, dass der Stift bei etwas wirklich Bedeutsamen anwesend war und dass dieser eine Kugelschreiber oder Tintenroller oder was immer es denn nun für Stifte sind, vielleicht etwas Bedeutsameres berührt hat, als man selber bisher in den Händen halten konnte. Oder die Unterschrift, die mit diesem Stift getätigt wurde, mehr Menschen beeinflusst und mehr Leben verändert hat, als man normalerweise in einem Leben beeinflussen und verändern kann.

Und in der Geschichte 81 Words, da geht es um’s Verändern von Leben und es geht um eben diesen Stift. Und natürlich auch irgendwie wieder nicht. Denn die Hauptgeschichte ist die Geschichte, wie Amerika zu der Erkenntnis kam, dass Homosexualität und eben Homosexuelle nichts mit Krankheit zu tun haben. So stand es nämlich ziemlich lange im Diagnostics and Statistics Manual of Mental Disorders, dem DSM. Und der DSM muss man wissen, wird verwendet, wenn man psychologische Störungen und Erkrankungen diagnostiziert. Da drin stehen alle Symptome und Symptomhinweise und deren Definitionen, die eben zur Diagnostizierung von Krankheiten notwendig sind. Und mit 81 Worten war darin beschrieben, dass Homosexualität eine sexuelle Störung, eine Krankheit sei und pathologisch.

Das hat eine ganze Reihe von Wirkungen: Ein Mal, wenn es eine Krankheit ist, dann kann man die ja auch behandeln oder muss sie sogar behandeln. Vielleicht gibt es ja sogar eine Verpflichtung, Menschen die homosexuell sind von ihrer “Krankheit” zu heilen. Außerdem ist es so, dass etwas, das als Krankheit markiert ist, natürlich sehr schlecht Gegenstand von positiver Gesetzgebung werden kann. Wenn wir über so Dinge reden, wie dem Umgang mit Kindern, Ehe, Besitzstandsgesetzgebung usw. Wir brauchen ja nicht darüber reden, dass Homosexuelle in vielen Ländern diskriminiert werden, bis hin unter Strafe stehen, aber es macht es jetzt auch nicht einfacher, wenn es ein offizielles Standardwerk gibt, in dem steht, dass Homosexualität eine Krankheit darstellt.

Diese 81 Wort-Definition nun, die hat sich 1973 – drei Jahre, bevor ich geboren wurde – geändert. Und die This american life Episode, von der ich eingangs sprach, beschreibt die Geschichte hinter dieser Änderung. Und darin kommt der damalige Präsident der American Psychiatric Association vor, der ein heimlicher Homosexueller war und aufgefordert wurde, ein Statement zu dieser Definition abzugeben, beleuchtet ein paar der Diskussionen und Kontroversen aus der Zeit; spricht mit Sachverständigen, die sich mit der Definition, mit Homosexualität beschäftigen und endet eben mit dieser wichtigen, durchgreifenden Änderung, die irgendwann mal mit einem banalen Stift unterschrieben wurde und Diskussionen, wie die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften überhaupt erst in den USA möglich gemacht hat.

Ein hörenswerter Podcast, eine hörenswerte Episode. Wenn Dein Englisch souverän genug ist, dann folge einfach dem Link in den Episodennotizen und vielleicht auch den Links zu der aktuellen Gesetzeslage in anderen Nationen als den USA. Das ist nämlich ganz interessant sich vor Augen zu führen, in wie vielen Ecken dieser Welt wir Homosexuelle immer noch diskriminieren.  

Bis bald.

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