87-teiliges Taschenmesser


Wie heißt das Schweizer Taschenmesser eigentlich wirklich? Wer hat’s erfunden? Und: Was haben unsere Amerikanischen Freunde damit zu tun?

 

Bild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Giant_Knife_1.jpg

 

#087-teiliges Taschenmesser

87 ist die Anzahl der einzelnen Werkzeuge, die im weltgrößten Schweizer Taschenmesser zu finden sind.

Woher kommt eigentlich der Begriff “Schweizer Taschenmesser”? Ist das eine Marke, oder kann man irgendwo eine Firma namens Schweizer Taschenmesser finden? – Nee. Schweizer Taschenmesser werden – die echten zumindest – von einer einzigen Firma hergestellt, nämlich der Firma Victorinox. Und Victorinox ist ein Name, der kommt Amerikanern schlicht nicht über die Lippen. Die wissen nicht, wie sie das aussprechen sollen. Und deswegen haben im 2. Weltkrieg amerikanische Soldaten den Begriff des Swiss Army Knifes geprägt. Und das war dann ein Schweizer Taschenmesser in Rückübersetzung.

Heute weiß jeder, was damit gemeint ist. Wenn man von einem Schweizer Taschenmesser spricht, dann spricht man von einem Messer mit Ausklappwerkzeugen, mindestens einer wirklich scharfen Klinge und dann meistens irgendwie einen Flaschenöffner, einen Korkenzieher, einen Schraubenzieher und weiß der Geier was noch alles.

Ich habe ein Nerd Schweizer Taschenmesser irgendwann mal geschenkt bekommen und da sind dann Schraubenzieher drin, die man braucht, um zum Beispiel Laptop-Gehäuse auseinanderzubauen und es gibt Schweizer Taschenmesser mit eingebautem USB-Stick usw. Und die Firma Victorinox ist inzwischen über 130 Jahre alt und hat in ihrer Firmengeschichte noch nie jemanden entlassen.

Das Schweizer Taschenmesser wurde eigentlich in der Originalversion Offiziersmesser genannt. Das war ursprünglich immer 91mm lang, hatte immer ein Schweizer Kreuz drauf, war normalerweise rot, aber nicht notwendigerweise. Das gibt es zum Beispiel auch in Grün und im Original war immer auch noch der Schriftzug Victorinox drauf.

Die Zentrale von Victorinox ist gleichzeitig der einzige Produktionsstandort der Firma und ist die größte Messerfabrik Europas und die steht in einem 4.000 Seelenort namens Ibach in der Schweiz. Und das ich vorhin in der Vergangenheit von dem Urmesser sprach, kommt natürlich nicht von ungefähr. Inzwischen gibt es diese Messer in einer Unzahl von Variationen. Allein Victorinox stellt 360 verschiedene Modelle her und die sind nicht mehr zwingend 91mm lang, sondern können sehr unterschiedlich ausfallen.

Der Klassiker ist dabei recht kompakt. Der trägt eine große und eine kleine Klinge, eine Säge, eine Schere, einen Korkenzieher, einen Dosenöffner, einen Flaschenöffner – fertig.

So eins haben wir auch noch hier im Haus. Und ja, ich habe mich auch gewundert: Die Nagelfeile fand relativ spät ihren Eingang in den Standardwerkzeugsatz und war ursprünglich mal als Taschenmesser für Frauen markiert und inzwischen eigentlich als Feile zumindest an fast allen derartigen Messern beteiligt.

Das Unternehmen hat es jedenfalls geschafft, das Offiziersmesser zum Kult zu machen und das obwohl bis vor gar nicht so langer Zeit strikt keine Werbung gemacht wurde. Das haben aber dann andere Firmen unternommen. Toyota zum Beispiel hat ein Victorinox Taschenmesser abgebildet – größer sogar, als das Bild seines Autos und hat geschrieben “Mit Schnickschnack wird man nicht zum Klassiker”. Und sogar MacGyver wurde mit einem Schweizer Taschenmesser abgefilmt. Das hat ihm sogar das Leben gerettet, als es zwischen ihm und einer Kugel war.

Victorinox beliefert 16 nationale Armeen mit Taschenmessern – unter anderem auch die Bundeswehr. Und praktisch alle US-Präsidenten tragen ein Schweizer Taschenmesser bei sich oder haben es zumindest irgendwann mal überreicht bekommen. Alles also Unicorns and Rainbows wie man so schön sagt – nicht ganz.

Als nach den Anschlägen vom 11. September weltweit ein Verbot erlassen wurde, Taschenmesser in Flugzeuge mitzunehmen, brach bei Victorinox der Umsatz um 30% ein. Denn die hatten einen Großteil ihrer Verkäufe bis dahin an Flughäfen gemacht – als Geschenke, als Mitbringsel usw. Und das notwendige Umstellen ihrer Verkaufsstrategie und das Ausfächern ihrer Produktpalette brauchte einige Zeit. Trotzdem wollte Victorinox keine Menschen entlassen und hat deswegen in der Zeit, in der Krise war, seine Mitarbeiter zum Teil ausgeliehen oder nur in Urlaub geschickt. Jedenfalls konnte vermieden werden, Leute zu entlassen, aber es war verdammt knapp.

Und woher kommt überhaupt dieser komische Name Victorinox? Der kommt von der Mama des Unternehmensgründers Karl Elsener I. Der hat nämlich 1884 eine Messerschmiedwerkstatt eröffnet und seine Mutter, die hieß Victoria. Nach ihrem Tod führte Karl Elsener nun eine Marke namens Victoria ein und ließ sich bei der Gelegenheit gleich auch dieses Emblem mit dem Kreuz und dem Schild gesetzlich schützen, was es heute noch in 120 Ländern als Markenzeichen ist.

Das Schweizer Taschenmesser gibt es tatsächlich erst seit 1945 und sein Erfolg verdankt es den Amerikanern, wie ja der Name auch schon nahelegt, die es als Souvenir kaufen und mit nach Hause bringen.

Spaßig finde ich auch, dass eigentlich das einzige ernsthafte Konkurrenzprodukt zum Schweizer Taschenmesser oder zum Schweizer Multitool aus den USA kommt und den Namen Leatherman trägt. So eine Art Zange mit angegliedertem Taschenmesser. Es gibt inzwischen eigentlich ein fast baugleiches Werkzeug von Victorinox.

Inzwischen stellt Victorinox nicht nur Messer her, sondern auch Uhren, Mode und sogar Düfte kann man unter dem Logo kaufen. Und der Laden wird inzwischen in vierter Generation von Familie Elsener geführt. Drei Generationen lang hieß der Geschäftsführer auch wirklich immer Karl Elsener. Den ersten schrieb man mit K und die anderen mit C, aber das sei nur am Rande erwähnt.

Und jetzt ist auch wieder gut mit Taschenmessern. Ich habe jetzt zum Anlass von diesem Podcast meines wieder rausgeräumt und griffbereit in meine Tasche gesteckt und werde nachher mal die Kids fragen, wo eigentlich ihre sind.

Bis bald.

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