Häftling 252 – Enrique Fukman


Gefangenlager und Folter scheinen Grundkonstanten der Menschheit zu sein. Heute geht es um das ESMA Gefängnis, eine Folterstätte der Diktatur in Argentinien in den 70ern und frühen 80ern. Enrique Fukman war dort als Häftling 252 inhaftiert und ist einer von 300 Überlebenden der insgesamt über 5000 Häftlinge…

http://www.taz.de/Nachruf-auf-Enrique-Fukman/!5323532/
https://es.wikipedia.org/wiki/Enrique_Fukman
Bild: By Unknown – Partido Obrero website, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=43419242

 

#252 – Häftling 252 – Enrique Fukman

Die 60er und 70er Jahre waren in Südamerika turbulente Zeiten. Eine Serie von Militärputschen, die wie man vermutet durchaus von den USA, wenn nicht kontrolliert, dann doch gefördert wurden, trafen ein ums andere Land. 1964 in Brasilien, 1971 in Bolivien, 1973 in Uruguay und dann im September ’73 in Chile.

Das wir Gewalt anwenden, um unsere Gesellschaft zu verändern, scheint eine Konstante der menschlichen Natur zu sein. Dass wir in solchen Zeiten dann auch auf Menschen, die eine andere Meinung haben oder vielleicht ein anderes Gesellschaftsideal, losgehen, auch. Und anscheinend sind Foltergefängnisse und Lager, in denen Oppositionelle verschwinden, das Mittel der Wahl.

In Folge 239 habe ich schonmal von Guantanamo Bay gesprochen. Das ist jetzt zwar kein Lager, in dem Oppositionelle verschwinden, aber es ist ein Foltergefängnis. Zumindest – und da kann man ja fast schon dankbar für sein – ist Guantanamo Bay kein Konzentrationslager. Denn auf eine perverse Art und Weise scheint es eine Art Reihenfolge zu geben.

Es fängt eigentlich noch verhältnismäßig harmlos an. Die ganz normalen Gefängnisse zu benutzen, um Oppositionelle und Journalisten einzusperren zum Beispiel. Also keine Folter, keine Zwangsarbeit, keine Vernichtung, “nur” das Wegsperren von unliebsamen Meinungen.

Die nächste Ausbaustufe ist dann Zwangsarbeit. Das kann dann auch als Strafe gegeben sein. In Ländern wie zum Beispiel Russland ist Zwangsarbeit eine ganz reguläre Strafe, die verhängt werden kann und wenn natürlich Oppositionelle und Journalisten oder generell unliebsame Mitglieder der Gesellschaft betroffen sind, dann ist dann ein hervorragendes Unterdrückungsinstrument.

Sehr, sehr schwere Zwangsarbeit lässt sich übrigens auch als eine Art Ersatz für Todesstrafe verwenden. Denn Menschen kommen dabei um. Vor Erschöpfung, durch Unfälle oder durch Selbstmord. Jetzt könnte man natürlich sagen, Zwangsarbeit ist fast schon so eine Art Folter. Und das ist dann die nächste Stufe.

Die nächste Stufe ist, wenn man nicht mehr nur verhört und Leute einsperrt, sondern wenn man die Verhöre mit Gewalt und Schmerzen, körperlicher oder psychologischer Natur, anreichert. Das wird besonders perfide, wenn es willkürlich geschieht, wenn die Insassen genau sagen können, nach welchen Regeln sie sich verhalten müssen, um Folter zu vermeiden. In Guantanamo Bay sind beispielsweise ganz normale “Staatsbedienstete” im Einsatz. Das sind spezielle Einheiten der amerikanischen Geheimdienste oder der amerikanischen Armee oder Angestellte dieses Lagers. Das sind Leute, die werden dafür bezahlt, dass sie dort Dienst schieben und anscheinend gehört Folter mit zu diesem Dienst.

Wir können nur vermuten, was im Moment gerade in der Türkei abgeht. Keine Ahnung, was mit Oppositionellen in Polen bald passieren wird. Und was in China oder in Russland stattfindet. Naja, das ist ja fast schon halb öffentlich.

Der Grund, warum ich mich schon wieder mit diesem Thema auseinandersetze ist eine Themenempfehlung. Heute von Carola Bach. Die hat nämlich den Häftling 252 als Thema vorgeschlagen – Enrique Fukman. Der war nämlich in Argentinien in ESMA folterhaft. ESMA steht dabei für die Mechanikerschule der Marine in Buenos Aires. Enrique war dorthin verschleppt worden und zwar als Mitglied der linken Aktivistenszene in Argentinien und er war damit einer von insgesamt 5.000 Häftlingen, die in dieser Schule untergebracht worden waren.

Von diesen 5.000 Häftlingen haben 300 überlebt. Gefangener 252, Enrique, war einer von ihnen. Und da zu überleben war wirklich eine Ausnahme. Die Insassen wurden dort systematisch gefoltert, zum Beispiel mit Elektroschocks. Gefesselt mit metallischen Fußfesseln verbrachten sie die meiste Zeit mit einer Kapuze über dem Kopf in einem Dachboden liegend oder sie wurden zur Zwangsarbeit abkommandiert.

Und in regelmäßigen Abständen wurden Gefangene abgeführt und mit Drogen betäubt in Flugzeuge verladen, um sie dann über dem Rio de la Plata aus Flugzeugen zu stoßen.

Die Insassen wurden für die verschiedensten Aufgaben herangezogen, wobei eine der wichtigeren war, dass sie die aktuelle Tagespresse sichten und zusammenfassen mussten. So war Fukman immer genauestens informiert über die Geschehnisse in der Welt. Er las die internationale Presse: Newsweek, die Times und schrieb Dossiers zu verschiedenen Themen.

Am 18. Februar 1980 dann, drei Jahre nachdem er auf offener Straße entführt worden war, hatte die Haft plötzlich für Enrique ein Ende. Er wurde nach Hause gefahren und dort abgesetzt. Warum? Das weiß er bis heute nicht. Das ist auch eine der teuflischen Nebenwirkungen, denn ab jetzt war Enrique unter dem Verdacht, ein Kollaborateur gewesen zu sein, denn es musste ja einen Grund geben, warum man ihn freigelassen hat und nicht wie die anderen 4.700 umgebracht.

Das war überhaupt ein recht teuflischer Effekt. Von denen, die gefangen worden waren, vermutete die Bevölkerung, dass sie eigentlich schon irgendwas falsch gemacht hätten und Verbrecher wären. Man wusste schließlich nicht, was genau in diesen Gefängnissen stattfand. Kam dann jemand plötzlich frei, dann hatte er das Vertrauen seiner Kameraden verloren. Denn die vermuteten in ihm einen Kollaborateur, der natürlich irgendwas verraten hatte und sich somit seine Freiheit verdient hatte.

Enrique spielte später noch eine wichtige Rolle in der Aufarbeitung des Militärputsches. 1985 und 1987 wurden Schlüsselfiguren der Juntas vor Gericht gestellt und Enrique trat in beiden Verhandlungen als Zeuge auf. Seine Freiheit nach der Gefangenschaft nutzte er, um aufzuklären. Außerdem beendete er sein angefangenes Studium und wurde Lehrer. Das waren die Dinge, die er vorantrieb bis zu seinem Tod am 13. Juli 2016. Lehrer, Friedensaktivist und Aktivist in der Aufarbeitung der Diktatur in Argentinien.

Bis bald!

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