Marbachweg 291, Willy und Frieda


Das Projekt “Stolpersteine” erinnert an die Menschen, die während der Nazizeit verschleppt wurden und bringt abstrakte Fakten greifbar in unsere Zeit.

 

 

Bild: Stadt Frankfurt

 

#291 – Marbachweg 291, Willy und Frieda

Ich bin überzeugter Fußgänger. Praktisch jedes Ziel, das innerhalb von 30 Minuten zu Fuß erreichbar ist, mache ich auch zu Fuß. Und dabei achte ich auf meine Umgebung, man sieht viel mehr, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Ich weiß nicht, ob Dir das schon mal aufgefallen ist. Und wenn man in manchen Städten seinen Blick auf den Boden richtet, während man geht, dann kann es passieren, dass man im Boden einen Messingstein sieht, der eingelassen und beschriftet ist.

Ich habe es mir inzwischen zur Regel gemacht, egal wie eilig ich es habe, in solchen Momenten stehen zu bleiben, den Stein genau anzuschauen, durchzulesen und ein Foto davon auf Twitter zu posten. Du hast es vielleicht schon mal gesehen, immer mit #Stolpersteine.

Was hat es nun mit dem Projekt auf sich? Das ist eine Kunstinstallation. Und zwar eine Kunstinstallation, die inzwischen in vielen Städten Europas existiert und einige 10.000 Steine umfasst. Im Grunde geht es darum an die Menschen zu erinnern, die während dem Nationalsozialismus inhaftiert, deportiert, gefoltert, umgebracht wurden. Denn das waren alles mal Nachbarn, Freunde, Verwandte, Angeheiratete, Menschen, die in unserer Umgebung gewohnt haben.

Und genau deswegen steht immer auf diesen Steinen drauf Hier wohnte Person XYZ, geboren am, gestorben am und das grobe Schicksal. Das macht mich dann immer nachdenklich von diesem Stein aufzublicken auf die Hausfassade und mir vorzustellen, wie wohl der Alltag für diese Menschen ausgesehen haben muss, als noch alles normal war. Und mir läuft es jedes einzelne Mal kalt den Rücken runter.

Das Projekt jedenfalls folgt einer ganz einfachen Idee, nämlich dem Gedanken, dass Menschen erst tot sind, wenn man sie vergessen hat. Und dass ein Grabstein nicht dasselbe ist wie ein Gedenkstein. Gunter Demnig, so heißt der Künstler hinter dem Projekt, legt diese Steine jedenfalls in ganz Europa schon seit mehreren Jahrzehnten. Spannend ist auch die Wirkung von diesen Steinen. Wir werden ja alle mit unserer Geschichte konfrontiert, aber irgendwie bleibt das ganze dann doch abstrakt.

Es ist eben eine Sache, ob man in der Schule gelernt hat, dass 6 Mio. Juden umgekommen sind in der Nazizeit, oder, ober ein “Nachbar”, ein einzelner Mensch zum Symbol dazu wird, was damals an Unglaublichkeit stattgefunden hat. Ja, warum rede ich eigentlich gerade heute bei der 291 darüber? Ganz einfach – weil in Frankfurt im Marbachweg 291 Frieda und Willy Hild gelebt haben. Und die waren keine Juden. Die hatten einen anderen Fehler. Die waren nämlich Zeugen Jehovas, also Christen im weitesten Sinne. Deswegen hatten die auch Glück im Unglück.

Ich nehme es mal vorne weg: Eigentlich wurden Frieda und Willy nicht von den Nazis umgebracht, grad so nicht. Von Juden wissen wir ja grob, wie das ablief. Wie sie systematisch zusammengetrieben und deportiert wurden. Bei Willy lief das etwas anders. Er war Orchestermusikant. Durch eine Verletzung, die er sich im ersten Weltkrieg zugezogen hatte, war er außerdem Epileptiker und er war gläubiger Zeuge Jehovas. Damals hieß das noch nicht Zeuge Jehovas, sondern man nannte das Bibelforscher. Und er war seinem Glauben treu, das brachte ihm nämlich den Ärger eigentlich erst ein.

Es fiel nämlich auf, dass Willy sich weigerte bei Veranstaltungen den Hitlergruß zu zeigen und er begründete das damit, dass sein Glaube und die Worte Gottes in der Bibel ihm genau das verbieten würden. Das brachte ihm schon mal Aufmerksamkeit der Behörden ein. Das führte allerdings noch zu keiner Verhaftung. Er musste eine Strafe zahlen und wurde beurlaubt und spielte dann in kleineren Ensembles weiter.

Allerdings hatte er ja nach wie vor gesundheitliche Probleme und die schlugen sich nieder in Ohnmachtsanfällen. Und das passierte ihm irgendwann während einer Aufführung, zwar in der Spielpause, aber trotzdem. Und damals hat man sowas dem Stadtgesundheitsamt gemeldet. Und das Stadtgesundheitsamt, das klingt so harmlos, war nicht nur für die Gesundheit der Bevölkerung zuständig, sondern auch dafür Unerwünschtes zu entfernen. Das heißt, das Gesundheitsamt konnte so Dinge anordnen, wie eine Zwangssterilisation oder Menschen auch einsperren lassen für eine echte oder eine vermutete Krankheit.

Willy hatte noch mal Glück. Er war alt genug, sodass er ein ärztliches Attest erhielt, dass kein Sterilisierungsbedarf da wäre, weil er wohl keine eugenische Gefahr für das deutsche Volk mehr darstellen würde. Soweit so gut. Als Zeuge Jehova, das weißt Du vielleicht, ist man ja auch missionarisch tätig. Und das Ehepaar Hild, gläubig wie sie waren, blieben missionarisch. Und das war strafbar. Und so kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen und systematische Schikanen.

Irgendwann wurden sie dann  letztlich auch festgenommen und ins Gefängnis verbracht. Und hier trennen sich die Wege von Frieda und Willy. Frieda hatte man nämlich schon seit einger Zeit ein Herzleiden attestiert und so wurde sie relativ schnell als haftunfähig wieder freigelassen, während Willy für das für seine Misshandlungen berüchtigte Polizeigefängnis Klapperfeldstraße gebracht wurde.

Die Familie versuchte natürlich regelmäßig Willy wieder aus der Haft freizubekommen. Es war ja ein regulärer Behördenakt, entsprechend konnte man Anträge einreichen und Anfragen und dergleichen mehr. Es blieb aber ohne Erfolg. Willy wurde irgendwann ins KZ Buchenwald verlegt, aber eine Haftentlassung war nicht in Sicht; eher so im Gegenteil. Willy wurde regelmäßig in die Kommandantur einbestellt, um festzustellen, ob er denn seinen Glauben abzuschwören bereit wäre. Das hätte zu seiner sofortigen Freilassung geführt, so wurde er informiert. Weil er ablehnte, wurden ihm stattdessen die Zähne eingeschlagen.

Trotzdem hatten es Häftlinge wie Willy verhältnismäßig gut. Immerhin handelte es sich ja praktisch formal um Deutsche. So spielte Willy in Buchenwald in der Lagerkapelle mit und durfte ganz offiziell musizieren. Dafür benutzte er seine Ziehharmonika und dieses Instrument wurde nach seiner Befreiung aus Buchenwald in das Preußen-Museum Wesel gebracht und ist dort in der Sammlung Abresch zu besichtigen.

Von solchen und anderen kleineren Vorteilen abgesehen, war aber Buchenwald auch für Deutsche Inhaftierte brandgefährlich und so kann Willy von Glück reden, dass er am 11. April 1945 noch am Leben war und mit den anderen Häftlingen befreit wurde. Er nahm noch einmal Anlauf, stellte Antrag auf Wiedereinstellung in das Opernorchester inklusive aller Dienstbezüge und Rentenansprüche, der wurde ihm auch bewilligt, aber nach seinem Aufenthalt im KZ Buchenwald war seine Epilepsie derart schlimm geworden, dass er eigentlich nicht mehr als Musiker arbeiten konnte.

Aber er lernte seine dann noch mal zukünftige Frau kennen. Er heiratete 1947 noch mal; eine ehemalige Kollegin, die Opernsängerin Martha Grässler. Bis in die 60er Jahre hinein blieb das Ehepaar in Frankfurt und zog dann irgendwann in den Spessart um. Willy starb am 23. September 1977 in Bessenbach. Seine Tochter, die von Beruf Kinderpflegerin ist, lebt inzwischen in Italien.

Bis bald.

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