Seite 74 – Die Geschichte von Sindbad, dem Seefahrer


Die Geschichten aus 1001 Nächten sind für uns oft mit Märchen gleichgesetzt. Dabei waren es eigentlich Geschichten für Erwachsene. Eine der berühmtesten Figuren aus der Sammlung nun ist Sindbad der Seefahrer, ein Charakter, der in Nacht 74 mit seiner ersten Reise auftaucht.

http://www.wissen-im-netz.info/literatur/habicht/1001/1/0074.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Tausendundeine_Nacht
Sindbad Titelmusik: https://www.youtube.com/results?search_query=sindbad

Bild: https://en.wikipedia.org/wiki/One_Thousand_and_One_Nights#/media/File:ManuscriptAbbasid.jpg

 

#074 – Seite 74 – Die Geschichte von Sindbad, dem Seefahrer

Heute habe ich ein großes Themas. Ein Thema, das so groß ist, dass ich ihm nicht wirklich ganz gerecht werden kann. Ich muss es also anreißen: Die ideale Anerzählt-Geschichte sozusagen. Es geht um ein berühmtes Buch. Ein Werk, dass im mittelalterlichen Indien geschrieben wurde. Wobei mittelalterlich wahrscheinlich die falsche Formulierung ist. Wir reden von der Zeit um 1200 irgendwas.

Dieses indische Buch – wahrscheinlich indische Buch – wurde vermutlich rund um das 14. Jahrhundert ins Arabische übertragen. Im 17. Jahrhundert dann, kam das Buch nach Frankreich, wo es von Antoine Galande publiziert wurde und bis heute Geschichten enthält, die immer wieder neu erzählt werden. So eine Art gemeinsamer Grundstock an Geschichten sind zwischen uns, der arabischen und der indischen Welt.

Die Geschichte geht ungefähr so: Es war einmal ein großer König. Ein König, der zwischen Indien und dem Kaiserreich China herrschte. Dieser König nun ertappt seine Frau dabei, dass sie eine Affäre hat. Wie damals vermutlich üblich, lässt er sie als Reaktion darauf hinrichten und ist außerdem der Überzeugung, dass Frauen ganz grundsätzlich falsche Geschöpfe sind und nicht zur Treue neigen.

In seiner Verbitterung erlässt er deswegen einen Befehl: Er möchte, dass von nun an jede Nacht eine Frau in sein Zimmer gebracht würde, eine Jungfrau, mit der er dann die Nacht verbringen möchte. Und damit die gar keine Chance hat, ihn später zu betrügen, wird sie am nächsten Morgen hingerichtet. Der Wesir, dessen Auftrag es war, dem König immer wieder neue Jungfrauen zuzuführen und diese dann am nächsten Morgen hinrichten zu lassen, hatte zwei wunderschöne Töchter und liebte sie heiß und innig.

Eine dieser Töchter, Scheherazade – jetzt spätestens sollte es bei Dir klingeln – sieht ihn jeden Tag seinen Befehl ausführen, widerwillig und immer unglücklicher werden darüber. Und das Unglück in der Stadt in der er lebte war natürlich auch nicht zu übersehen. Väter fürchteten um ihre Töchter, Mütter weinten um die Töchter, die hingerichtet worden waren. Scheherazade war eine besondere junge Frau. Sie war von außerordentlichem Scharfsinn, sie hatte eine große Belesenheit und vergaß nichts, was sie je gelesen hatte. Sie hatte sich Weltweisheit, Arzneikunde, Geschichte und schöne Künste angeeignet. Und sie machte bessere Verse als die berühmtesten Dichter ihrer Zeit. Über dies alles war sie außergewöhnlich schön. So wird sie beschrieben.

Das Buch über das es geht: Die Geschichte von 1001 Nacht. Scheherazade lässt sich von dem König heiraten und sie beginnt ihm Geschichten zu erzählen, jede Nacht eine. Und am Morgen bricht sie ab. Die Erfindung des Cliffhangers sozusagen. Weil nun der König das Ende der Geschichte, den Ausgang hören will, verschont er sie. Wieder und wieder und wieder. Und am Ende der 1001 Nächte, solange dauert das Ganze, erkennt er, dass er sie nicht hinrichten möchte, ändert seine Meinung und hat in der Zeit 3 Kinder mit ihr gezeugt.

Diese Geschichtssammlung wurde natürlich ursprünglich mal mündlich überliefert oder war sehr früh aufgeschrieben. Und es waren wirklich 1001 Geschichten. Also jede Nacht eine Geschichte. Die ersten Handschriften die man gefunden hat, die dann auch erst mal übersetzt wurden in europäische Sprachen, waren deutlich kleiner ausgefallen. Es waren viele Geschichten verschollen und deswegen gibt es auch eine kleine Version davon – die 101 Nächte, fast.

In den ersten europäischen Fassungen waren diese Geschichten auch massiv entschärft. Die waren nämlich in Arabien und Indien, Geschichten für Erwachsene. Entsprechend brutal und anzüglich waren die. In den europäischen Versionen kam dann natürlich deutlich weniger Sex und schlüpfrige Anleitungen vor und das ein oder andere war auch nicht ganz so brutal. Nach und nach tauchten weitere Handschriften auf, sodass wir heutzutage eine einigermaßen komplette Vorstellung davon haben, was für Geschichten das waren.

Diese Geschichten decken alles mögliche ab. Da gibt es Gedichte, es gibt Tragödien, es gibt Komödien, es gibt religöse Erzählungen und es hat nur sehr begrenzt was mit unserer Vorstellung von Kindermärchen zu tun, sondern ist sehr gehaltvolle Literatur. Und viele Figuren tauchen zum einen immer mal wieder auf in diesen Geschichten, also sie kamen mehrmals vor. Es gibt auch Geschichten, die sich natürlich über mehrere Teile hinweg erstreckten und die aus mehreren Untergeschichten bestehen und wir kennen viele davon. Alibaba, Aladdin, Salomo oder mit Abstand wahrscheinlich die berühmteste Figur: Sindbad.

Und woher kennen wir Sindbad? Vermutlich von der gleichnamigen Zeichentrickserie. Hat so gar nichts mit der Originalgeschichte zu tun. Die Geschichte von Sindbad dreht sich um zwei Männder: Sindbad, dem Lastträger und Sindbad, dem Seefahrer, die sich begegnen. Und der Sindbad, der Seefahrer als reicher Kaufmann erzählt Sindbad, dem Lastträger von seinen sieben Reisen. Und wenig dürfte unser Bild von dem Orient so geprägt haben, wie die Geschichten rund um Sindbad. So ziemlich jedes Bild, was wir da im Kopf haben – fliegender Teppich, Großvisiere, Seeungeheuer usw. stammt aus diesen Geschichten. Und die Geschichte Sindbad, die fängt an in der Nacht 74 – der ersten Reise Sindbads nach Sumatra. Und das war auch der Anlass für die heutige Sendung.

Es gibt eine komplette Ausgabe der 1001 Nächte zum Nachlesen in Deutsch – Link wie immer in den Notizen. Und es überrascht, wie gut sich das heute noch lesen lässt, obwohl es schon 800.000… was weiß ich, wieviele Jahre alt ist. Und es ist eine dieser Geschichten, die es wert ist gelesen zu werden, weil jeder glaubt zu wissen, was darin vorkommt und die Wahrheit dann doch überraschend ist.

Bis bald.

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