Sure 4:75


Themenpate: @adamosbach

Ist der Koran wirklich gewalttätiger als das Christentum? Müssen wir uns fürchten?

Bild: Von by me. – -, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6533743

 

 

#475 – Sure 4:75

Ein schönes Thema hat er mir da eingebrockt, der @adamosbach. Der hat nämlich die Frage gestellt, ob wir nicht einmal kritisch über Religion reden wollen und hat vorgeschlagen, über die Sure 4:75 zu sprechen.

Das ist eine der Suren, die dafür herhalten muss, wenn jemand versucht zu argumentieren, dass der Islam gewalttätiger als zum Beispiel das Christentum ist. Ohje, na gut! Ich warne Dich schon einmal vor, heute ist es weniger flockig als sonst. Aber eine Meinung haben ich dazu.

[Auszug Song]

Das Argument, das habe ich schon in meiner Kindheit zum ersten mal im Familienkreis gehört: Im Koran sei es so, dass der Glaube mit dem Schwert verbreitet wird. Gibt es da nicht überall diesen Terrorismus, bei dem offensichtlich Menschen muslimischen Glaubens, andere umbringen und dabei Allahu Akbar schreien? Wenn man darauf dann antwortet, dass auch in der Bibel eine Menge Gewalt drinnen steht und auch eine Menge Aufforderung zur Gewalt, dann kommt gerne einmal: “jaja, das ist aber das alte Testament. Im neuen Testament da kam Jesus. Jesus wollte die linke Backe hinhalten, nachdem er auf die recht eine bekommen hat und hat Steinigung verhindert und so”. Eben genau dieses neue Testament, das fehlt natürlich in anderen Religionen, bevorzugt dem Islam und darum ist der Islam natürlich rückständiger und natürlich gewalttätiger. Da kann man jetzt ganz wunderbar streiten.

Meine Meinung zu der Sache: Es spielt gar keine Rolle,  es ist vollkommen egal, welche der beiden Religionsformen denn nun gewalttätiger ist, als die andere. Es ist nicht so, dass in der Geschichte der Christenheit oder in unserer westlichen Geschichte ganz allgemein, die Friedfertigkeit im neuen Testament irgendeine Gewalttat verhindert hätte. Es ist eben auch nicht wahr, dass die Muslime überwiegend für Terror und Gewalt zuständig sind. In Deutschland, in Europa allgemein und in den USA gab es mehr Terror durch rechte und linke Arschlöcher, als durch die muslimischen Terroristen, vor denen wir uns so gerne fürchten.

Woran liegt das, dass es uns nicht präsent ist? Warum genau denken wir bei dem Wort Terrorist zuerst an einen muslimisch aussehenden Mann? Das liegt nicht an besagter Sure 4:75 oder daran, dass der Koran gewalttätiger ist, als die Bibel. Das liegt an unserer Wahrnehmung und an unserer Berichterstattung. Es ist viermal wahrscheinlicher, dass eine Tat als Terrorismus bezeichnet wird, wenn der Täter ein Muslim ist. Wenn es nicht sofort als Terrorismus bezeichnet wird, dann wird zumindest einmal von einem mutmaßlichen Terroranschlag gesprochen oder davon, dass ein Terroranschlag nicht ausgeschlossen werden kann. Es wird vor allen Dingen genannt. Es wird in den Medien gesagt, der Täter ist muslimischen Glaubens. Das passiert nicht, wenn der Täter zum Beispiel ein Christ ist. Wenn er ein Christ ist, dann wird wahrscheinlich überhaupt gar nicht von Terror gesprochen, sondern von einer Straftat. Meinetwegen ein Amoklauf oder eine Bluttat. Außerdem wird nicht über die Religion gesprochen. Wir Menschen sind aber verdammt schlecht darin, Dinge wahrzunehmen, die nicht erwähnt werden.

Umgekehrt: Themen, die oft angesprochen werden oder in unserer Wahrnehmung auftauchen, denen schreiben wir nach einer Weile höhere Bedeutung zu. Da können jetzt all die friedlich lebenden Muslime, die es überall gibt, so oft sagen, wie sie wollen, dass ihre Religion friedlich ist, dass sie friedliche Menschen sind, dass sie nichts davon halten, ihren Willen mit Gewalt durchzusetzen, sie nichts mit Terroristen gemeinsam haben wollen. Wir verlangen dann trotzdem von ihnen, dass sie sich distanzieren. Wir vermuten irgendwie die Ursache für Gewalt, die wir beobachten, in der Religion. Das wird natürlich auch dadurch befeuert, dass es Menschen gibt, die genau das, als wunden Punkt erkannt haben und gerade noch Öl in das Feuer gießen, indem sie Menschen auffordern, Allahu Akbar zu schreien, während sie irgendwelche Bluttaten begehen. Oder indem sie zu einem heiligen Krieg aufrufen. Da findet eine Schlacht um unsere Aufmerksamkeit und unsere Schuldzuschreibung statt, die ist ohne Worte.

Nur in einem sind sich alle einig: Uns nämlich Angst zu machen! Wenn Politiker uns Angst machen vor dem Islam, haben sie ein leichteres Spiel dabei, Überwachungsgesetze durchzusetzen, überall Kameras aufzuhängen und zu behaupten, wenn sie unsere WhatsApp-Nachrichten abhören, können sie unter Umständen den nächsten Anschlag verhindern. Ideologen, wie sie zum Beispiel bei ISIS zu finden sind, die haben ein Interesse daran, uns Angst zu machen, indem sie uns erzählen, dass es uns jederzeit und überall erwischen kann. Und die Medien? Die Medien brauchen die Angst. Denn nur wenn wir Angst haben, dann lesen wir alles, was sie uns servieren. Wir sind außerdem nebenher noch aufnahmebereiter für Werbung etc.

Dabei ist der durchschnittliche Muslim soweit davon entfernt, seinen Glauben mit einem Schwert durchzusetzen, wie der durchschnittliche Christ eine Frau für das Fremdgehen steinigen möchte. Genauso wenig wie von Dir jemand erwartet, Dich von randalierenden Demonstranten oder um sich prügelnden Fußball Hooligans zu distanzieren, genauso wenig steht uns zu, Muslime über einen Kamm zu scheren, nur weil es im Koran auch Sätze gibt, die zu Gewalt aufrufen, oder Gewalt zumindest billigen.

Ich möchte noch ein anderes Beispiel bringen: Ich persönlich bin gegen die Todesstrafe. Ich nehme irgendwie an, die meisten meiner Hörer sind es auch. Ich wohne auch in Frankfurt, Frankfurt liegt in Hessen. In Hessen steht in der Verfassung, die Todesstrafe als legitime Strafe für besonders schwere Vergehen. Klar, die Todesstrafe wird auch in Hessen nicht mehr angewandt und der Grund dafür ist auch einfach: Es gilt nämlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und das setzt nunmal keine Todesstrafe voraus. Trotzdem, in unserem Grundgesetz hier in Hessen steht die Todesstrafe drin. Das heißt das auch automatisch, dass die hessischen Strafverfolgungsbehörden harter drauf sind, als zum Beispiel die Bayern? Heißt das, dass ich als Hesse eigentlich gar nicht gegen die Todesstrafe sein kann? Ich weiß natürlich, dass der Vergleich hinkt, aber der Punkt, den ich machen möchte, der ist der selbe. Nur weil etwas irgendwo steht, heißt das nicht, dass die Menschen, die vielleicht mit großen Teilen des restlichen Textes übereinstimmen, automatisch auch alles angenommen haben. Nur weil wir eine Religion nicht ganz verstehen, heißt es auch nicht, dass sie deswegen schlechter, besser, gefährlicher, gewalttätiger, friedlicher ist, als das was wir als tagtäglich erleben.

Alle heiligen Schriften der Menschheit, benötigen eine Menge Kontext und Interpretation. Es wird wahrscheinlich immer Menschen geben, die mit heiligen Texten oder ihrem Glauben Gewalt begründen. Das macht dann Angst, aber die Zuschreibung, die uns da Angst macht, also die Angst, dass Muslime irgendwie von ihren Schriften auf Gewalt eingeschworen werden, die ist selbst gemacht. Ich habe da ein schönes Beispiel für: Du erinnerst Dich sicherlich an den AirBerlin-Sturz, bei dem ein depressiver Pilot absichtlich ein ganzes Flugzeug in ein Berg gesteuert hat. Ich habe mich seitdem oft gefragt: Was wäre wohl passiert, wenn der aus einem Impuls heraus noch einmal Allahu Akbar geschrien hätte? Oder wenn er muslimischen Glaubens gewesen wäre? Alle andere Bedingungen hätten gleich sein können und trotzdem hätten wir heute die Überzeugung, dass das ein Terroranschlag gewesen war.

Ich finde dieser Gedanke, der sollte in beide Richtungen gehen. Wenn jemand mit einer Axt durch ein Zug rennt oder meinetwegen mit einem Auto schreiend in eine Menschenmenge steuert, oder mit einem Messer auf Polizisten los geht, selbst wenn er dabei Allahu Akbar schreit, dann würde ich mir wünschen, dass wir uns trotzdem noch die Möglichkeit offen halten, ihn für einen Selbstmörder zu halten, oder einem depressiven Menschen. Oder einem Mörder, oder meinetwegen für einen politischen Terroristen. Denn wenn man sich Gewalt mal losgelöst von solchen Kategorien anschaut, stellt sich heraus, dass weder Westler, noch die Christen oder beliebige andere Gruppen sich mit Ruhm bekleckern, wenn es darum geht, friedlich mit anderen zusammenzuleben.

Bis bald.  

3 comments for “Sure 4:75

  1. R.
    Juli 19, 2017 at 12:12 am

    Hallo Anerzaehler,
    lieber Dirk,

    Deine Folgen gelingen Dir ja immer gut, egal ob kurz oder lang, ob heiteres oder ernsteres Thema und sind für so viele Deiner Hörer u. Hörerinnen und auch für mich zu einer ständigen Begleitung geworden, auf die ich mich jeden Tag freue.

    Und dann gibt es so Folgen, die Dir einfach besonders gut gelingen. Diese Folge 475 (toller Vorschlag von @adamosbach) war so eine. Und das, obwohl es ein ernsteres Thema ist…oder vielleicht gerade deshalb.

    Ich mag es, wenn Menschen Haltung beziehen. Ich mag es, wenn Menschen eine Position haben und ich mag es, wenn Sie es schaffen, diese auf eine gute Art zum Ausdruck zu bringen. So, wie Du es in dieser Folge getan hast. Du zeigst damit ja auch immer ein wenig von Dir persönlich und das finde ich sehr schön allgemein beim Podcasten, wenn man immer auch etwas von den Menschen dahinter spürt.

    Vielen Dank für diese sehr gut aufbereitete u. schöne Folge und vielen Dank für Deinen gelungenen Podcast und die Mühe, die Du Dir damit machst, damit Deine Zuhörerschaft täglich quasi etwas “mit auf den Weg bekommt”.

    Ich bin schon lange eine stille, treue Zuhörerin Deines Podcast, indem Du täglich kleine Geschichtchen präsentierst. Und das bleibe ich auch, solange es mir (noch) vergönnt ist und natürlich solange Du Deinen Podcast weiter machst.

    Im Übrigen habe ich gerade eine neue Zuhörerin für Deinen Podcast angeworben. Eine Freundin von mir, die bis dato nur Radio Podcasts kannte.

    Sie war auf der Suche nach etwas, was sie auf dem Weg zur Arbeit hören kann, kurz, kompakt, interessant, heiter usw., gut anzuhören, etwas für ca. 10 Min. täglich, da ihr Arbeitsweg ungefähr diese Dauer hat. Und da kam mir natürlich sofort Dein Podcast in den Sinn und ich habe kräftig für Dich und Deinen Anerzaehlt-Podcast geworben. 😉 :-).
    Sie hat ihn ausprobiert u. reingehört …und nun hast Du eine weitere Hörerin. So bin ich zu Dir.*g*

    Alles Gute für Dich und dass Du niemals den Spaß u. die Freude am Podcasten verlieren mögest. Ich freu’ mich weiterhin täglich Deine Stimme im Ohr zu haben und eine neue Geschichte rund um eine Zahl von Dir zu hören. 🙂

    Lieben Gruß,

    R.

    • Dirk
      Juli 19, 2017 at 9:09 am

      Wow, was für ein toller und motivierender Kommentar! Danke für das viele Lob, ich werde ja ganz rot 🙂
      Solange immer mal wieder so nette Rückmeldungen kommen wird mir die Lust am Podcasting nicht ausgehen, versprochen. Ganz im Gegenteil: Wir ziehen demnächst um und in unserer neuen Bleibe werde ich mir ein regelrechtes Studio einrichten… Es wird also auch weiterhin fleißig Aufnahmen geben.

      Liebe Grüße,
      Dirk

  2. R.
    Juli 23, 2017 at 3:56 pm

    Für’s rot werden gibt’s gar keinen Grund. Das Lob ist berechtigt und ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige, die so denkt. 🙂

    Schön, dass Du weitermachen willst. Und das mit dem Studio klingt gut. Sehr gut sogar. Dann kannst Du Dich zukünftig u. podcasttechnisch ja erst recht austoben. 😀

    By the way…ich habe da so eine leise eine Vorahnung, was am kommenden Dienstag möööööglicherweise eventueeeell und viiiiielleicht dran kommen könnte (ja, ich lese hin und wieder Deinen Twitter-Account u. habe den diesbezüglichen Tweet gesehen). Ich musste ein wenig lachen, weil ich mir ungefähr vorstellen konnte, WAS Du Dir da auf Youtube angeschaut hast und ich vermute, ich kenne den Clip auch (oder einen ähnlichen) und hätte wohl eine ebenso ähnliche Äußerung darüber hinterlassen wie Du es auf Twitter getan hast. *g*

    Für Deinen Umzug ins neue Heim drück’ ich Dir und Deiner Familie die Daumen und wünsch’ Euch alles Gute und das alles so klappen möge, wie Ihr Euch das vorstellt.

    LG,

    R.

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