250 km/h


250 km/h Warum sind Autos bei 250km/h abgeregelt fragt @hameiste… Der Anerzähler investigativ:

http://www.autoscout24.de/themen/kfz-technik/elektronik/hoechstgeschwindigkeit-abgeregelt/
http://www.spiegel.de/auto/werkstatt/tempo-ohne-limit-beschraenkung-auf-250-km-h-broeckelt-a-203926.html
http://www.sueddeutsche.de/auto/hoechstgeschwindigkeit-reicht-vielen-nicht-1.547054
Bild: By BitburgringOwn work, CC BY-SA 4.0,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39686412

 

#250 – 250 km/h

Jedes Volk hat seine Eigenarten und zwar zum Teil auch seine skurrilen Eigenarten. So schütteln wir ja gerne mal den Kopf oder machen Witze darüber, dass bei amerikanischen Mikrowellen angeblich in der Anleitung steht, dass sie nicht zur Trocknung von Haustieren geeignet wären.

Oder wir machen uns lustig über den Aufdruck, dass der Kaffee, den wir bei Starbucks erworben haben, ein heißes Getränk enthalten könnte und dass dieses heiße Getränk natürlich auch zu Verbrühungen führen könnte, wenn wir uns damit verletzen. Oder wie wäre es damit, dass Amerikaner ja frei überall Waffen kaufen dürfen und die auch ständig tragen. Und wir wissen es natürlich, gell? Wenn man Waffen besitzt, dann benutzt man die vielleicht auch mal. Oder wie wäre es mit den Briten. Die fahren ja sowieso auf der falschen Straßenseite. Und wenn das die richtige Straßenseite wäre, liebe Briten, warum dann müsst ihr in London auf der Straße schreiben, in welche Richtung man schauen muss? Hä? Hä? Ist euch auch schon aufgefallen, dass die Leute immer in die falsche Richtung gucken und deswegen überfahren werden, gell? Oder wie ist es mit den Franzosen mit ihrer Eigenart jeden Quatsch ins Französische zu übersetzen? Alle total durchgeknallt. Verrückt geworden ist sie, diese Welt. So ist es.

Wie bitte? Bier in Liter Humpen? Ja, das ist auch bei uns komisch. Da ist dann auch das Bier zum Schluss so richtig brühwarm, gell? Auf die letzte Pfütze da drin. Warum überhaupt diese Liter Humpen dann in großen Zelten zu sich zu nehmen, mit tausenden anderen Besoffenen, übermäßig lauter Musik, während man von Grillhähnchengeruch eingedampft wird in seltsamer Kleidung, die wir traditionell nennen, die es aber überhaupt erst seit 120 Jahren gibt? Ja, ja, das ist eine seltsame Eigenart. Das stimmt schon.

Und es gibt noch eine seltsame Eigenart bei uns und die ist ungefähr genauso bescheuert, wie die Amerikaner mit ihren Schusswaffen. Nämlich, dass wir auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbegrenzung haben. Jetzt springen natürlich die Sportfahrer und die ADAC-Fans und die Autobild-Leser alle auf und rufen Aber das ist sowieso nur bei 3% der Straßen der Fall!! Und das stimmt natürlich. Die meisten Straßen, auch die Autobahnen, sind von irgendwelchen Geschwindigkeitslimitierungen betroffen, aber trotzdem: Theoretisch ist es bei uns erlaubt, so schnell zu fahren, wie das Auto es hergibt, wenn es keine dieser Beschränkungen gibt. Und das macht was mit unserem Kopf.

Wenn es nämlich theoretisch maximal erlaubt ist, alles aus der Maschine herauszuholen, dann fahren die Leute gefühlt auch sonst eher am Limit. Und wieviel Stress das ist, kann jeder mal gerne selber ausprobieren. Einfach mal den nächsten Urlaub etwas fahrintensiver in zum Beispiel Österreich oder Italien verbringen und dann wieder nach Hause kommen. Ich finde es immer sehr stressig, wieder über die Grenze zu kommen und am deutschen Verkehrswahnsinn teilzunehmen.

Dabei fahren die Deutschen gar nicht mal grenzenlos schnell. Denn – und das ist der Themenanker für die heutige Sendung – die meisten Fahrzeuge sind bei 250 km/h Maximalgeschwindigkeit abgeregelt. Das heißt soviel wie, theoretisch könnte das Auto deutlich schneller fahren. Im Falle vom Phaeton zum Beispiel wären bis zu 285 km/h möglich. Ähnliche Geschwindigkeiten gelten natürlich für einen 5er BMW oder einen Audi A6 usw. In der Praxis kann man aber nicht schneller als 250 km/h fahren, weil die Fahrzeugelektronik bei einer entsprechenden Geschwindigkeit abriegelt.

Und das war nicht immer so. In den 80ern gab es schonmal eine Art Wettrennen. Autos wurden immer leistungsstärker, immer “sportlicher”, immer schneller. Und es stiegen die Unfälle und die absurden Nebeneffekte. Spritverbraucht zum Beispiel. Der steigt nämlich nicht linear. Wenn ich 200 km/h fahre, dann brauche ich nicht doppelt soviel Sprit, wie bei 100 km/h oder orientiert an der Drehzahl entsprechend mehr. Nein. Das orientiert sich am Luftwiderstand. Und der Luftwiderstand steigt exponentiell. Eine mit 250 km/h dahinschießende Luxuslimousine braucht daher unverhältnismäßig mehr Sprit für dieselbe Entfernung, wie ein Fahrzeug, das mit durchschnittlich 120 km/h durch die Landschaft rollt.

Unfälle sind natürlich auch bei 250 km/h aufwärts eine ganz andere Hausnummer als bei 120 km/h. Und zwar ganz einfach deswegen, weil mit steigender Geschwindigkeit die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass ich ein einmal aus der Kontrolle geratenes Fahrzeug auch wieder eingefangen bekomme. Deswegen ist es auch schon länger so, dass Versicherungen, wenn man mehr als 180 km/h auf der Uhr hatte bei einem Unfall, von einer Teilschuld ausgehen.

Nach Straßenverkehrsordnung muss man nämlich dem Verkehrsfluss angemessen fahren und so, dass man das Fahrzeug gegebenenfalls auch beherrschen kann. Und jenseits der 180 km/h, da kann man schonmal argumentieren, dass das mit dem Beherrschen vielleicht nur noch in unserem Kopf, aber nicht mehr in der wirklichen, realen, physikalischen Welt der Fall ist.

Doch nochmal zurück zu den 250 km/h, bei denen in der Praxis abgeregelt wird. Das geht zurück auf eine Selbstverpflichtung, der sich alle namhaften, großen Automobilhersteller in den 80er Jahren freiwillig unterworfen haben. Diese Selbstverpflichtung wurde nicht unbedingt eingegangen, weil die Automobilhersteller solche Menschenfreunde sind, sondern im Endeffekt wurde dem Gesetzgeber vorgegriffen. Der hätte ja sonst am Ende noch radikaler eingreifen können. Das wollen wir ja alle nicht. Wir wollen ja schließlich auf den deutschen Autobahnen mit 250 km/h fahren dürfen, oder?

Und dann gibt es da noch ein ganz handfestes finanzielles Argument. Denn Fahrzeuge, die schneller als 250 km/h unterwegs sind, brauchen ganz andere Fahrzeugbereifung, ganz andere Sicherheitstechnik und auch zum Teil extra verstärkte Rahmenkonstruktionen usw. Die Hersteller haben also im Endeffekt ein praktikables Limit festgelegt. Ein Limit, in dem die Fahrzeuge sowieso schon konstruiert waren.

Und das Hintertürchen, das war auch gleich schon drin. Denn natürlich gab es einmal Sportfahrzeuge, die dieser Selbstverpflichtung nicht unterlagen. Also ein Porsche oder ein Ferrari etc., die fahren nach wie vor so schnell, wie die Kiste hergibt. Und dann gab es eben auch noch werkseigene Tuningverfahren mit entsprechendem Preisschild dran. Für 1.500 € Aufpreis zum Beispiel kann ich meinen Mercedes SLK entregeln lassen. Da kommen dann andere Reifen drauf, wahrscheinlich wird ein kleines Softwareupdate eingespielt, et voilá: Mein Auto fährt über 270 Sachen. Na, wenn das mal nicht toll und erstrebenswert ist. Sportlich Autofahren ist ja schließlich auch so eine Art Menschenrecht. Ich finde, wir sollten mal versuchen das endlich in unsere Verfassung eintragen zu lassen, damit auch wirklich niemand mehr herkommen kann und uns dieses Recht streitigmachen. So.

Themenpate der heutigen Sendung war Jörn, @hameiste auf Twitter. Der hat die Frage gestellt, warum Fahrzeuge eigentlich bei 250 km/h abgeregelt werden. Lieben Dank für den Vorschlag!

Und falls auch Du einen Vorschlag hast, den Du gerne mal im Anerzählt bearbeitet hören willst, dann einfach auf der anerzaehlt.net Webseite ganz oben dem Themenpaten Link folgen und in der Tabelle Deine Wunschzahl mit idealerweise einem Link oder ein paar Notizen hinterlegen.

Bis bald.

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