8 Männer besitzen 426 Milliarden Dollar. Skandal!


Heute geht es um eine Oxfam Studie, die für viel Aufregung und eine Flut von Memes und Aufregung gesorgt hat. Berechtigt?

 

Bild: Oxfam

 

 

#426 – 8 Männer besitzen 426 Milliarden Dollar. Skandal!

Der Hörer oder die Hörerin Jeluf – ich weiß ja gar nicht, wer hinter dem Kürzel Jeluf steckt – schlägt heute vor über Reichtum zu sprechen. Und über Armut! Und über Statistik! Und ein kleines bisschen vielleicht auch noch über Facebook oder vielleicht das Internet allgemein. Den Themenanker kannte ich sogar schon: Den habe ich nämlich genau dort im Internet schon mehrmals gesehen, als Meme. Es geht um 426 Milliarden US-Dollar. Und um acht Männer. Und um ungerechte Verteilung. Das hatte nämlich die Nichtregierungsorganisation Oxfam in einer Studie angeprangert und auch nicht zum ersten Mal.

[Audioauszug:

“Die Verteilung von Reichtum in der Welt wird immer ungerechter. Zu diesem Ergebnis kommt die britische Nichtregierungsorganisation Oxfam in ihrem Bericht, den sie im Vorfeld des Weltwirtschaftsforums von Davos veröffentlichte. Darin prangert sie die Konzentration von Reichtum in den Händen weniger Milliardäre an, während jeder 10. weltweit mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen muss.

Unser Wirtschaftssystem ist in einer Schieflage. Das bedeutet, dass nur 1% der Menschen von dem profitiert, statt die verbleibenden 99%. Es ist möglich in einem Golfbuggy alle Milliardäre zu platzieren, die zusammengerechnet dasselbe Vermögen haben, wie die ärmere Hälfte der Menschen weltweit”]

Ja und dann fragst Du Dich natürlich: Wer sind denn diese acht Männer? Und wahrscheinlich erkennst Du dann in dieser Liste auch ein paar. Da ist zum Beispiel ein Bill Gates drauf, ein Warren Buffett, natürlich unser Mark Zuckerberg. Nein! Nein, Donald Trump ist nicht in diesem exklusiven Club – und: Obszön klingt es schon. Das muss man schon zugeben. 1% der Menschen haben also mehr Geld als die armen 50% der Menschheit zusammen! Skandal!!

Und natürlich klären einen auch alle möglichen Leute sofort darüber auf, woran das denn liegt: Steuervergünstigungen, die nur für die Reichen gelten, zum Beispiel. Und natürlich Bereicherung. Dieses Geld wäre ja dann nicht mehr zur Verfügung an anderer Stelle, sondern nur in der Hand dieser Superreichen. Gegenstimmen gibt es natürlich auch nur sehr, sehr wenige. Denn wer will denn im Ernst den Menschen in Nigeria Zugang zu sauberem Wasser und Nahrung verweigern?

Und niemand würde behaupten, man braucht mehrere Milliarden Vermögen, um duch seinen Tag zu kommen. Und mir geht es ganz genauso. Sowohl bei dem Kopfschütteln über diese riesen Vermögen, als auch bei dem Wunsch den Menschen in Nigeria Zugang zu sauberem Wasser zu geben.

Trotzdem reihe ich mich auch bei den ganz wenigen Leuten ein, die sich hinstellen und diese Studie als populistischen Blödsinn bezeichnen. Um zu verstehen, was mein Problem mit dieser Studie ist, spiele ich nochmal ganz kurz den Beitrag von eben an.

[“Darin prangert sie die Konzentration von Reichtum in den Händen weniger Milliardäre an, während jeder 10. weltweit mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen muss.”]

Mit diesem kleinen Tonschnippsel habe ich gleich mehrere Probleme. Problem Nr. 1: Es ist ja angeblich so, dass 426 Milliarden US-Dollar in den Händen dieser 8 Männer sind. Suggeriert wird hier, dass diese 426 Milliarden US-Dollar nur bei diesen Männern sind und niemandem sonst helfen oder nützen. Aber so ist das ja nicht. Unser Wirtschaftssystem funktioniert anders.

Keiner dieser Milliardäre kann auf die Bank gehen und kann sagen “Ich hätte gerne mein gesamtes Vermögen, sämtliche Milliarden, in Bar ausbezahlt”. Umgekehrt ist es auch nicht so, dass dieses Geld irgendwo liegt und für niemanden zugreifbar ist. Unser Wirtschaftskreislauf funktioniert ja exakt so, dass Geld immer in Bewegung bleibt. Diese Vermögenswerte liegen ja im Mindestfall in den Händen einer Bank. Diese Bank tätigt mit diesen Geldern Investitionen in Unternehmen. Diese Unternehmen kaufen mit diesen getätigten Investitionen Güter und bezahlen damit die Arbeit von Menschen. Die wiederum konsumieren. So ist unser Wirtschaftskreislauf aufgebaut.

Diese Milliarden also, die sind nicht in den Händen dieser acht Milliardäre, sondern die befinden sich im Wirtschaftskreislauf. Und wenn überhaupt, dann kann man anprangern, dass diese acht Milliardäre einen gehörigen Einfluss darauf haben, worin diese Milliarden investiert werden. Viele dieser da angeprangerten Milliardäre investieren ja sehr wohl in lobenswerte Projekte. Bill Gates zum Beispiel ist dafür bekannt, dass er mit der Bill & Melinda Gates Foundation im großen Stil zum Beispiel die Malaria bekämpft oder versucht gegen Armut vorzugehen.

Halten wir also fest: Dieses Geld ist gar nicht exklusiv in den Händen von diesen acht Milliardären und selbst wenn es in den Händen dieser acht Milliardäre wären, ist es praktisch unmöglich, das Geld zu vermehren, liegen zu lassen oder auszugeben, ohne damit anderen zu nützen und den Wirtschaftskreislauf Wert zuzufügen. Selbst wenn die anfangen Luxusyachten zu sammeln und eine Yacht nach der anderen kaufen, dann werden mit diesen Käufen Menschen unterhalten, Güter gekauft, der Kreislauf eben weiter in Gang gehalten.

Aber damit hört es noch nicht auf. Die Studie prangert ja an, dass acht Milliardäre so viel Geld haben:

[“…während jeder 10. weltweit mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen muss.]

Und da gibt es jetzt ein paar interessante Beobachtungen. Beobachtung Nr. 1: Diese flashy Schlagzeile “8 Menschen haben mehr Geld als die arme Hälfte der Menschheit”, die funktioniert natürlich super in Memes und als Überschrift für Artikel. In 90% der Artikel findet man dann meistens die Meldung der Presseagentur – ohne viel Reflektion darüber, wie die Studie genau aufgebaut ist, wie diese Werte berechnet wurden und was vielleicht auch noch das Motiv von Oxfam sein könnte.

Es stellt sich raus, dass Oxfam dieses Vermögen berechnet, indem es sozusagen die Einkommen minus die Ausgaben/Schulden rechnet. Klingt ja zunächst mal logisch. Aber gerade bei den ärmeren Menschen in dieser Statistik wird das sehr schnell absurd. Nehmen wir zum Beispiel mal einen amerikanischen oder britischen Studenten. Sowohl in den USA, als auch in Großbritannien, müssen Studenten ihre Ausbildung zunächst mal selbst finanzieren. Und die prestigeträchtiger die Universität, desto teurer wird der Spaß. Deswegen sind zum Beispiel in den USA und in Großbritannien gerade Studenten bei Abschluss ihres Studiums nicht selten hochverschuldet. Wenn aber die Uni prestigeträchtig war und ihr Abschluss ein guter, dann haben die auch eine wirklich gute Chance auf einen lukrativen Arbeitsplatz, der das auch wieder einspielt. Trotzdem startet dieser Student unter Umständen ja mit 100.000 Dollar Schulden in sein Arbeitsleben.

Die Oxfam-Studie macht aber keinen Unterschied zwischen so einem Studenten, der eine gute Aussicht auf ein gutes Einkommen hat und Menschen, die aus anderen Gründen arm sind. Da sind wir auch ganz schnell beim Motiv: Oxfam hat nämlich eine Standard-Antwort auf die Armut auf der Welt. Und diese Standard-Antwort ist: Kapitalismus-Kritik. Unser kapitalistisches System ist schlecht. Konsum ist schlecht. Globalisierung ist ein Problem.

Das kann man auch nicht pauschal vom Tisch wischen. Viele Argumente, die Oxfam macht, sind gut, wichtig und müssen diskutiert und bearbeitet werden. Aber natürlich sollte man daran auch denken, wenn man diese Studie liest. Da gibt es dann nämlich eine weitere Schieflage: Oxfam schaut sich die Geschichte nicht an.

Unser kapitalistisches System nämlich sorgt nicht nur für die angebliche Ausbeutung der Armen durch die Superreichen. Unser kapitalistisches System hat eben auch dafür gesorgt, dass es weltweit noch nie eine so niedrige Quote an existenzbedrohender Armut gab, wie heute. Noch vor 200 Jahren war die überwiegende Mehrheit der Menschheit – und bei überwiegender Mehrheit meine ich mehr als 80% der Menschen – in bitterer Armut. Und diese Quote ist auf unter 13% im Jahr 2015 gesunken. Insbesondere in den letzten 10 Jahren hat sich da wahnsinnig viel getan. Das hat viel mit unserem gesellschaftlichen Fortschritt, viel mit Technologie zu tun und man kann auch das Argument machen: Freie Märkte waren daran nicht ganz unbeteiligt.

Ja und trotzdem gibt es natürlich immer wieder diese Aussagen. In Deutschland zum Beispiel sind es die 40 reichsten Menschen, die mehr Geld haben, als die arme Hälfte in Deutschland. Und da sind wir bei meiner letzten Kritik: Die hat nämlich mit unserem Verständnis von Statistik zu tun. Es wird ja hier Vermögen verglichen und von Arm nach Reich sortiert. Dann ist es ganz logisch, dass am reichen Ende viel weniger Menschen notwendig sind, um das arme Ende aufzuwiegen, weil wir ja in absoluten Zahlen viel größere Beträge haben. Deswegen stellt der Vergleich auch nicht das dar, was die meisten Leute hinein interpretieren.

Würde man das nämlich statistisch ordentlich aufbereiten, ergäbe sich eine sogenannte Normalverteilung; eine Glockenkurve. Und in dieser Glockenkurve gibt es einen Bereich, der extreme Armut darstellt und einen Bereich, der extremen Reichtum darstellt und die sind vermutlich in etwa gleich groß.

Würde man verhindern wollen, dass so wenige Menschen so viel Vermögen aufwiegen, dann müsste diese Glockenkurve flacher werden. Und der absolute Abstand zwischen reich und arm müsste kleiner werden. Dieser Abstand dürfte bitte nicht in US-Dollar berechnet werden, sondern wir müssten den normalisieren, um eben nicht über einen Geldbetrag, sondern über Kaufkraft in irgendeiner Form sprechen zu können.

“Wieviele Big Macs kann ich mir mit meinem Vermögen kaufen?” ist die viel bessere Frage, als wieviel Dollar habe ich auf meinem Konto. Deswegen möchte ich Dich einladen, diese Neiddiskussion rund um “Wieviel haben die Reichen mehr als die Armen” einfach mal vom Tisch zu wischen und über andere Fragen nachzudenken, die sich bei der Studie genauso stellen.

Zum Beispiel: Warum sind es acht Männer und nicht vier Männer und vier Frauen? Oder: Wie kommt es, dass dieser Reichtum sich anscheinend in den USA konzentriert und nicht gleichmäßig über die Nationen der Welt verteilt? Oder: Wie können wir sicherstellen, dass die Menschen, die so viel Vermögen auf sich vereinen, irgendwie auch kontrolliert werden, wofür sie das Geld ausgeben?Reichen da unsere Systeme schon oder nicht?

Und wo wir schon bei Reichen und unseren Systemen sind: Die Menschen, die in meinem Facebookstream Memes mit diesen acht Männern, die ja so obszön viel Geld verdienen, geteilt haben – denen fiel ja auch nicht auf, dass sie selber vermutlich auch ein 1.000-faches von dem Verdienen, was ein armer Arbeiter in Bangladesch heim trägt. Die wollten deswegen garantiert nicht ihr Vermögen umverteilen, sondern das Vermögen von diesen Reichen. Das wäre auch eine Frage, die ich gerne mal stellen wollen würde: Wie würde ein System aussehen, das bei uns allen vor der eigenen Haustüre kehrt, statt auf die ach-so-reichen-Männer zu schauen und zu sagen “Die sollen mal gefälligst was gegen die Armut in der Welt tun”.

Ich habe da auch keine Antworten drauf, aber die Studie von Oxfam und ähnliche derselben Macher plus die Berichterstattung der Medien und das, was unsere Politiker daraus machen – da kann man zumindest viel draus lernen, wie wir Menschen mit Statistik, reißerischen Überschriften und gesteuerter Empörung umgehen.

Bis bald.

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