417 VW Käfer für die Abwrackprämie


Themenpate: @eazyliving

2009 war das Wort “Abwrackprämie” Unwort des Jahres und ein Blick in diese Worte und Unworte ist ein interessanter Blick in die Geschichte.

Bild: Von ONordsieck, CC BY-SA 2.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11906351

 

 

#417 – 417 VW Käfer für die Abwrackprämie

Es war das Wort des Jahres 2009 “Abwrackprämie”! Ich finde, da müssen wir mal darüber reden. Einfach, weil ich die Einrichtung eines Wortes des Jahres völlig absurd finde. Auch die Vorstellung, dass sich wahrscheinlich dutzende Leute damit beschäftigt haben, das richtige Wort zu finden, auszuwählen, darüber zu diskutieren, warum dieses und kein anderes Wort besser geeignet sind, finde ich seltsam.

Im Jahre 2009, dem Jahr der Abwrackprämie also, gab es starke Konkurrenz. Auf Platz 2 waren kriegsähnliche Zustände. Da fragt sich der geneigte Zuhörer  ..Hörer -. Was bitte ist eigentlich ein kriegsähnlicher Zustand? Was unterscheidet den eigentlich von Krieg? Ich will jetzt nicht in Tiefe gehen. Es gibt natürlich eine Definition. Auf Platz 3 war die Schweinegrippe, gefolgt von der Bad Bank. Dann gab es den Weltklimagipfel, dann Deutschland ist Europameisterin – ich vermute, das war ursprünglich mal eine Bild-Schlagzeile. Auf platz 7 war twittern, auf Platz 8 Studium Bolognese. Auf Platz 9 Wachstumsbeschleunigungsgesetz und auf 10 “Haste mal ‘ne Milliarde”. Jetzt heben bitte alle mal die Hand, die sich wundern, warum sich “Hast du mal ‘ne Milliarde” für das Rennen um das Wort des Jahres qualifiziert – außer Du musst gerade dein Lenkrad festhalten oder Fahrradfahren oder sowas. Dann heb Deine Hand eher mental.

Es stellt sich jedenfalls raus, das scheint ein Muster zu sein. Letztes Jahr zum Beispiel war auf Platz 10 auch kein einzelnes Wort, sondern der Satz “Oh, wie schön ist Panama”. Klar konnte dieser Satz sich nicht durchsetzen gegen das Gewinnerwort letztes Jahr “postfaktisch”. Gefolgt von Brexit, Silvesternacht, Schmähkritik, Trump-Effekt, Social Bots, schlechtes Blut, Gruselclown und Burkiniverbot.

Der älteste Eintrag auf der Website der Gesellschaft für Deutsche Sprache, die jedes Jahr das Wort des Jahres wählt, ist aus dem Jahr 1971. Damals war die Liste auch keine zehn Worte groß, sondern einfach nur fünf Worte. Gewonnen hatte “aufmüpfig”. Naja, 1971 war alles noch ein bisschen einfacher, nicht wahr? Gefolgt von Junktim – das musste ich jetzt erstmal nachschauen. Ein Junktim ist die Verknüpfung zweier oder mehrerer vertraglicher Abmachungen, Gesetzesvorlagen oder ähnlichem und zwar dann, wenn die nur gemeinsam beschlossen werden oder Gültigkeit haben können. Unwort Nummer 3 war der Umweltschutz – damals fand man sowas noch völlig unnötig. Nummer 4 Nostalgie und Nummer 5 “heiße Höschen”. Danach gab es erst einmal sechs Jahre lang keine Worte des Jahres. Erst ‘77 ging es wieder los und ab da wurde dann jedes Jahr gewählt. Im Jahr ‘77 war immerhin Terrorismus und Terrorist auf Platz 2. Gewonnen hatte das Wort “Szene”. Drei war Sympathisant, 4 Entsorgung, 5 Lauschangriff und 6 Blackout. Während ich durch diese Liste gehe, muss ich zugeben, Spaß macht es schon irgendwie. Es ist wie so ein ganz kleiner Schnappschuss in die Gesellschaft und  die Geschichte des jeweiligen Jahres. In manchen Jahren muss man schmunzeln, in manchen Jahren wird einem ganz anders. Im Jahr 2001 zum Beispiel, da war der Gewinner der 11. September, gefolgt von Anti-Terror-Attacke, Milzbrandattacke, Schläfer, Stammzellenimport – brrrr.

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat gleich mehrere Treffer, die sie immer wieder landet, mit ihrer Wort-des-Jahres-Wahl. Da wird immer schön deutlich, welches Thema uns in einem bestimmten Jahr jeweils bewegt. Das klingt immer völlig offensichtlich, wenn das Wort gewählt wird. Aber wenn man mit ein paar Jahren Abstand auf die Listen schaut, ist es wirklich interessant. Für die GfdS ist es natürlich eine garantierte Pressemeldung, die immerhin deutschlandweit Aufmerksamkeit bekommt. Ein Publicitystand also. Das funktioniert bei der GfdS so gut, dass sie gleich eine ganze Reihe von Nachahmern hat.

Zum Beispiel gibt es natürlich das “Unwort des Jahres”, das genau das Gegenteil versucht zu tun, eben das unsinnigste Wort herauszustellen. Erreicht manchmal genau das gleiche wie die GfdS und hat auch ähnlich viel Aufmerksamkeit. Dann gibt des das “Jugendwort des Jahres”. Das wird von Langenscheidt herausgegeben und ehrlich gesagt, ich habe so ein paar Jugendliche daheim und die haben in den letzten sechs Jahren immer die Stirn gerunzelt und den Kopf geschüttelt.

So manche dieser Formulierungen, die haben es erst in den Mainstream geschafft, weil sie plötzlich als Jugendwort deklariert worden sind. Ich finde es dann schon irgendwie witzig, wenn ausgerechnet Langenscheidt, das jetzt nicht gerade für seine Jugendlichkeit bekannt ist, ein Jugendwort wählt. Weil Worte, wie gesagt nicht mal der GfdS ausreichen, gibt es dann auch noch “den Satz des Jahres”. Der Satz des Jahres 2016 war “wir haben im Moment keinen Zustand von Recht und Ordnung” [Aussprache wie Seehofer]. Ich kann den Seehofer einfach nicht wirklich gut nachmachen.

Auch der Satz des Jahres wird seit 2009 vergeben. Dem Jahr eben, in dem die GfdS die Abwrackprämie zum Wort des Jahres gewählt hat. Warum rede ich überhaupt darüber? Der Themenanker für die heutige Sendung ist nämlich die Abwrackprämie. Die hat nämlich dazu geführt, dass zwischen 2009 und 2010 die spektakulär unglaubliche Zahl von 417 VW Käfern abgewrackt wurden. Das haben sie gemacht, um eben diese Abwrackprämie oder auch Umweltprämie einzustreichen. Den “easy living” oder  auch den “Christian von der Hörsuppe” hat das im November letztes Jahr so beschäftigt, dass er darüber getwittert hat. Damit wurde er praktisch aus Versehen zum Themenpaten. Auch wenn es ihm wahrscheinlich mehr um den VW Käfer ging und weniger um das Unwort, das Wort oder den Satz des Jahres.

Bis bald.

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