483 – exotische Literatur


Themenpatin: @CatchKati

Bücher werden kategorisiert. Kategorie 483 enthält die sogenannte “exotische Literatur”, in Fachkreisen auch als “Nackenbeißer” bekannt…

 

 

#483 – exotische Literatur

Hast Du schonmal das Wort “Nackenbeißer” gehört oder im Englischen “Bodice Ripper”? Nein? Ja? Weiß nich? Keine Sorge! Am anderen Ende dieses Podcasts wirst Du schlauer sein.

Fangen wir mal mit den Begriffen an: Ein Bodice ist ein sogenanntes Mieder. Ein Bodice Ripper ist also ein Miederbeißer. Und der Begriff wurde irgendwann in den 70ern geprägt. Gemeint sind sogenannte sexy violent historical Romance Novels – also sexy, gewaltätige Liebesromane mit historischem Hintergrund.

Im Grunde geht es dabei um Abenteuer und Liebesromane, in denen es ganz schön zur Sache geht und eine Menge Sex dargestellt wird, wobei der Sex immer recht typischen Mustern folgt. Im Wesentlichen geht es um eine Frau, gerne auch mal eine Jungfrau, die zwangsverheiratet, entführt oder sonst irgendwie genötigt wird. In der Regel auch wirklich sehr explizit genötigt wird. Gefesselt, vergewaltigt, alles dabei und dann normalerweise irgendwann lernt, dass der Mann, der ihr all das antut, eigentlich ein ganz toller ist. Und dann auch ihre Liebe für diesen Mann entdeckt und im Grunde total verliebt und romantisch dann dahinschmachtet.

Die Männer sind dann auch gerne mal adelig und das ganze spielt aus reinen Dekogründen meistens irgendwo in der Vergangenheit, wobei es überhaupt keine Rolle spielt, ob die Vergangenheit akkurat wiedergegeben wird. Das ist wie gesagt reine Deko.

Die Bücher sind oft ganz üppig, sie sind eher dick und die Handlung erstreckt sich gerne mal über mehrere Kontinente oder über einen weiten zeitlichen Rahmen hinweg. Die eben schon erwähnte sexualisierte Gewalt und das Happy End gehören beide zu dem Kochmuster dieser Romane. Und weil das ganze so vorhersagbar ist, rechnet man diese Romane auch der sogenannten Trivialliteratur zu und kommt meistens als Taschenbuch daher. Und auf dem Cover des Taschenbuchs – und daran erkennt man diese Romane in der Regel – sind Frauen, denen die Kleidung schon so einigermaßen vom Leib rutscht, zu sehen, und meistens ein gut gebauter Mann, gerne auch mal oben ohne, der die Frau in einigermaßen eisernen Griff hält. Weil der oft dann auch noch damit beschäftigt ist, in entbrannter Leidenschaft den Hals der Angebeteten zu küssen, nennt man das in Deutschland eben auch “Nackenbeißer”. Weil nach Küssen sieht es oft eben auch irgendwie nicht so ganz aus.

Entstanden ist das Genre in den Vereinigten Staaten und zwar in den 70er Jahren. Damals gab es nur wenig zu lesen, in dem explizit Sex vorkam. Ganz zu schweigen von gewalttätigem Sex. Wobei es grundsätzlich schon immer schwierig war, dass es zu dem Muster dieser Romane gehörte, dass die Frau im Laufe der Handlung gefügig wurde und es gut fand, was mit ihr geschehen war. Das ist einfach mal ein scheiß Vorbild und das wurde auch damals schon massiv kritisiert.

Es änderte nichts dran, dass diese Romane meistens von Frauen geschrieben wurden und von Frauen verschlungen wurden. Der erste Nackenbeißer wird der Amerikanerin Cathlyn E. Woodiwiss zugeschrieben. Die veröffentlichte 1972 den Roman “Wohin der Sturm uns trägt”. Im Original “The Flame and the Flower”. Der spielt in den amerikansichen Südstaaten im Jahr 1800 und handelt von einer jungen Frau, die nach Schwängerung durch Vergewaltigung mit dem Täter zwangsverheiratet wird und dann nach einiger Zeit eben doch den guten Charakter ihres Peinigers erkennt und ihn zu lieben beginnt.

Der Roman war eine Neuerung, weil der Verlag gar nicht versuchte eine gebundene Version des Buchs rauszubringen, sondern gleich nur ein Taschenbuch verlegte. Von dem wurden 2,3 Mio. Exemplare verkauft. Und ab jetzt war kein Halten mehr. Woodiwiss schrieb für den Verlag noch eine Unmenge ähnlicher Bücher. Genauso gab es dann ratzfatz eine Menge Nachahmerinnen. Die meisten dieser Bücher kommen anscheinend aus dem angelamerikanischen Sprachraum, meistens sind es Amerikanerinnen, die die Autorinnen sind und die Bücher werden dann in die verschiedenen Zielsprachen übersetzt. So ist es auch auf dem deutschen Markt so, dass der von amerikanischen Autorinnen dominiert ist.

Das Genre ist auch heute noch erfolgreich und verbreitet, aber die Hoch-Zeit der Nackenbeißer war eben in den 70er Jahren. Schon in den 80ern wanderten Leserinnen in benachbarte Genres ab, in denen eben nicht mehr vergewaltigt wurde.

Es gibt auch eine ganze Reihe von Studien und Schriften, die sich mit dem Genre beschäftigt haben. Ganz am Anfang gab es Feministinnen, die diese Romane als Ausdruck der sogenannten “Rape Culture” gesehen haben. Schließlich wird hier ja geradezu gefeiert, dass Männer Frauen dominieren.

Dann gab es eine weitere Generation von Feministinnen, die gesagt haben Nein, nein, nein, nein, nein, das ist genau andersherum. Eigentlich wird praktisch der Mann gefügig gemacht und zum Schluss domestiziert die Frau sozusagen den Mann.

Ja und zum Abschluss gabe es dann mehrere Studien, die festgestellt haben: Eigentlich alles Quatsch. Frauen lesen das zur Unterhaltung und nur weil sie in Romanen es lustvoll finden, wenn Frauen mit Gewalt zum Sex gezwungen werden, heißt es nicht, dass sie im echten Leben das auch nur im Ansatz gut fänden und billigen würden. Alles halb so schlimm… irgendwie.

Ich jedenfalls habe mal in solche Romane reingeblättert, aus reiner Neugierde, weil ich sie mal bei einer Bekannten habe liegen sehen. Und ich fand die Stellen, die ich spontan aufgeblätter habe, schwülstig bis albern und es machte eine Menge Spaß sich darüber lustig zu machen, mit der Freundin zusammen.

Falls Du jetzt neugierig geworden bist: Klassiker des Genres sind zum Beispiel Romane wie “Wilde zärtliche Liebe”, im Englischen “Sweet savage love” oder “Wild wie der Wind” – “Brave the wild wind” oder wie wäre es mit “Wohin der Sturm uns trägt”. Ich erkenne ein Muster: Irgendwie windet es da immer die ganze Zeit. Oder wie wäre es mit “Wie Feuer auf meiner Haut”? Ja – all diese Romane jedenfalls, sind wohl Klassiker ihres Genres und finden sich auch im dazu gehörigen Wikipedia-Artikel gelistet und sind dann wahrscheinlich auch Empfehlungen, wenn man sich einlesen möchte.

Stellt sich die Frage, ob unsere Themenpatin, die auf Twitter @CatchKati heißt, eigentlich auch Fan von dem Genre ist oder im Buchhandel arbeitet oder nur zufällig wusste, was ein Nackenbeißer ist. So oder so hat sie darauf hingewiesen, dass diese Nackenbeißer oder erotische Liebesgeschichten mit historischem Hintergrund, im Buchhandel in der Warengruppe 483 gelistet werden – auch bekannt als “exotische Literatur”.

Bis bald.

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