Der Prozess der 193 =^_^=

====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

Zar Alexander II. galt als progressiv und gütig, aber auch als arrogant und nachtragend… Er führte Russland durch eine Zeit der Reformen, schaffte das Leibeigentum ab, erneuerte Presse- und Prozeßrecht und wurde von den Revoltierenden im eigenen Land schließlich mit einem Sprengstoff-Attentat ermordet. Die Planer dieses Attentats waren wenige Jahre zuvor in einem großangelegten Prozeß der Öffentlichkeit vorgeführt worden, dem Prozeß der 193…

Bild: Неизвстен – http://www.runivers.ru/gal/gallery-all.php?SECTION_ID=7085&ELEMENT_ID=460860, Public Domain,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28911934

#193 – Der Prozess der 193

Alexander II. Nikolajewitsch war einer der großen Zaren Russlands und regierte von 1855 bis 1881 als Kaiser von Russland. Denn eigentlich ist der Titel gar nicht wirklich Zar, sondern Kaiser des Allrussischen Reiches.

Als er nach dem Tod seines Vaters, Kaiser Nikolaus I., den Thron bestieg, war er schon ein sehr gut ausgebildeter Berufspolitiker. Er hatte bereits repräsentiert; er war in verschiedenen Ämtern eingebunden und er hatte natürlich auch sehr intime Einblicke in die tägliche Regierungstätigkeit gewonnen. Er war also praktisch wie kaum ein anderer vorbereitet auf diese Rolle.

Er hatte eine umfassende Ausbildung in den Wissenschaften, in den Künsten und im Politikwesen erhalten und bestieg mit 37 Jahren als gebildeter, versierter, umfassend interessierter Mann den Thron Russland. Weise und freundlich sei er gewesen, sagen die einen. Nachtragend bis hin zur Rachsucht sei er gewesen, sagen die anderen. Seine Erzieher beschreiben ihn als arrogant, wankelmütig und wenig tatkräftig, was wahrscheinlich aber, wenn man als Autokrat aufgezogen wird jetzt auch irgendwo nachvollziehbar sein dürfte.

Alexander hat jedenfalls von seinem Vater beim Besteigen des Thrones zunächst mal den Krim Krieg geerbt und der war eigentlich schon zu dem Zeitpunkt klar verloren bzw. es zeichnete sich ab, dass er nicht zu gewinnen war. Trotzdem wurde er noch eine ganze Weile hindurch weitergeführt, bevor er mit dem Pariser Frieden am 18. März 1856 beendet wurde. Diese Niederlage wurde in aller Welt als Zeichen von Russlands Rückständigkeit gesehen.

In Russland herrschte immer noch Leibeigenenschaft. Es gab noch keine ausgebauten Eisenbahnen und Verkehrsverbindungen und auch sonst herrschte dringender Reformbedarf. Trotz der ihm nachgesagten mangelnden Tatkräftigkeit krempelte also Alexander II. die Ärmel hoch und brachte Reform um Reform auf den Weg. Zum Teil gegen erhebliche Widerstände setzte er dabei Dinge, wie die Bauernbefreiung durch. Das heißt, er schuf die Leibeigenenschaft ab. Nicht weil er so ein Menschenfreund war, sondern, weil es auch gleichzeitig ziemlich klar war, dass Leibeigenenschaft als wirtschaftlicher Faktor eigentlich ausgedient hatte.

Bauern bekamen Land zugeteilt, mindestens mal eine bestimmte Menge, um damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten; im Idealfall aber ungefähr die Fläche Land, die sie auch als Leibeigenen bewirtschaftet hatten, wobei man sagen muss: Die Großgrundbesitzer hatten einiges an Freiheiten und Möglichkeiten diese Verteilung nochmal kurz vor Ablauf der Fristen umzustellen. Das heißt, es ging nicht so richtig fair zu, aber immerhin. Auf jeden Fall kam es zu einer großen Umverteilung der Besitzgüter. Dabei finde ich interessant, dass diese Bauernbefreiung, der Sklavenbefreiung in den USA ganze drei Jahre voraus war.

Mit der Bauernbefreiung brachte Zar Alexander II. auch noch einige andere Reformen auf den Weg. So wurde das Prozesswesen reformiert und die Presse bekam mehr Zugriff und mehr Möglichkeiten frei zu berichten. So viele Umbaumaßnahmen sorgten jetzt natürlich nicht nur für Begeisterung. Und so wurde Zar Alexander Gegenstand von einer ganzen Reihe politischer Geheimbünde, von denen einige als Ziel hatten, ihn abzusetzen und umzubringen – oder umzubringen und abzusetzen. Ich glaube, einen Zar setzt man eigentlich nicht ab.

So gab es einige vereitelte und missglückte Anschlagsversuche, zum Beispiel während der Pariser Weltausstellung 1867. Es brodelte also und zwar in allen Bevölkerungsschichten. Im Sommer 1874, einem Sommer, der auch als Mad Summer of 1874 bezeichnet wird, zogen tausende Studenten in losen Organisationen umher, um revolutionswillige Mitstreiter am Land zu finden.

Zar Alexander hatte nach den Attentatsversuchen einige seiner Reformen wieder etwas angezogen und hatte zum Beispiel die Geheimdienste umfassend ermächtigt und ein Überwachungssystem installiert. Außerdem war die Zeit noch nicht wirklich reif für Revolution. Das heißt, auf dem Land gab es weniger Unterstützung dafür, als die Studenten gehofft hatten. So wurden im Ergebnis 193 Rädelsführer oder solche, die man dort beschuldigte, Anführer gewesen zu sein, festgenommen. Ihnen sollte der Prozess gemacht werden. Ein Prozess, der als Prozess der 193 in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Mit den Reformen, die es im Prozesswesen und für die Presse gegeben hatte, war es nämlich so, dass diese 193 Rädelsführer eine erstaunlich große Bühne hatten. Die Presse hatte freien Zugang und so wurde dieser Prozess zu einer öffentlichen Bühne, auf der die Angeklagten ausgiebig Gelegenheit hatten, ihre Position darzustellen. Sie gaben hervorragend vorbereitete Reden und am Ende des Prozesses wurde auch auf öffentlichen Druck hin, ein Großteil der Angeklagten freigesprochen. 35 wurden insgesamt zu Zwangsarbeit und Haftstrafen verurteilt und alle anderen kamen wieder auf freien Fuß.

Das hatte natürlich genau den gegenteiligen Effekt, den Alexander bezweckt hatte. Statt die Revolution zu ersticken, wurde Öl ins Feuer gegossen. Die Opposition und die Revolutionäre bekamen Auftrieb durch die Bestätigung, die sie gerade erfahren hatten. Die Öffentlichkeit war über ihre Standpunkte informiert worden und Alexander stand schlechter dar als zuvor.

Es sollte noch drei Jahre dauern, nämlich bis zum 13. März 1881, bis Alexander II. dann schließlich auch bei einem Attentat ums Leben kam. Und wie es das Schicksal so will, war einer der Planer hinter diesem Attentat, einer der Angeklagten in dem Prozess der 193. Die hatten ein Granatenattentat geplant. Zuerst wurde seine Kutsche von einer Dose, die mit Dynamit gefüllt worden war getroffen und als Alexander sich den Schaden ansehen wollte, er hatte das ganze erstmal unbeschadet überstanden, wurde ihm eine zweite solche Granate vor die Füße geworfen. Dabei starb der Attentäter. Ein Passant war schon bei der ersten Granate ums Leben gekommen und der Zar verlor seine Beine und starb dann eine Stunde später an den schweren Verletzungen.

Nachfolger von Alexander II. wurde Alexander III. und Alexander III. war eigentlich nie dafür vorgesehen Zar zu werden und hatte deswegen auch eine etwas einfachere Ausbildung genossen. Er lebte dann auch eher zurückgezogen und war ein zurückhaltender Kaiser. Allerdings war seine erste Amtshandlung natürlich den Tod seines Bruders in irgendeiner Form zu ahnden und ein Schuldiger war sehr schnell ausgemacht, nämlich die jüdische Minderheit im Staat Russland. Antisemitismus war sowieso schon relativ verbreitet und so war es dann naheliegend, in der jüdischen Bevölkerung eine zur Revolution bereite Bevölkerungsschicht zu sehen.

Als Reaktion erließ er deswegen die Mai Gesetze 1882, in denen die freie Berufsausübung und die Freizügigkeit der Juden in Russland massiv eingeschränkt wurden. An die Stelle des Attentats, wo sein Bruder gestorben war, ließ er eine Kirche errichten. Ansonsten bleibt von den 13 Jahren Regentschaft, die Alexander III. vor sich haben sollte, nicht so richtig viel zurück. Die wahrscheinlich größte Leistung war die Grundsteinlegung für die Transsibirische Eisenbahn, die die längste Eisenbahnstrecke der Welt werden sollte.

Bis bald.