F42.2 – Zwangsstörungen (nach ICD10)

Zwangsstörungen kommen in vielerlei Gestalt, von Waschzwängen bis zu zwanghaften Gedanken. Wie alle anderen Diagnosen findet sich dafür ein Eintrag im ICD10 der die Diagnosekriterien näher beschreibt.

Bild: By Lars Klintwall Malmqvist (Larsklintwallmalmqvist) – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4112060

 

 

#422 – F42.2 – Zwangsstörungen (nach ICD10)

Einer der wichtigsten Fähigkeiten die angehende Ärzte lernen müssen ist, Krankheiten zu diagnostizieren. Denn ziemlich oft ist es so, dass Symptome gleich sein können und trotzdem die Diagnose unterschiedlich ausfällt. Zum Beispiel kommen eine Menge Krankheiten mit schnupfenartigen Symptomen daher oder Hautausschlag. Aber es gibt einfach einen riesen Unterschied, ob man nun beginnende Ebola oder doch nur eine Erkältung hat. Um das richtig einstufen zu können, gibt es ein Handbuch. Herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation, dem “ICD”. Darin gibt es Kapitel für Kapitel verschiedene Bereiche, in denen diagnostiziert wird.

Psychische Erkrankungen, also mentale Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, die werden oft sogar als ein eigenes Buch herausgegeben. Davon halte ich im Moment gerade die Version vom vorletzten Jahr in der Hand, ICD10, – tolle Lektüre. Wenn Du erst einmal weißt, was alles mit Deinem Oberstübchen falsch laufen kann, fühlst Du Dich gleich viel wohler.

Da haben wir gleich schon eine wichtige Erkenntnis. Gerade psychische Probleme müssen genau das sein: Ein Problem! Und zwar für den Betroffenen. Es reicht nicht, dass man jemanden anschaut und sich denkt, der ist aber komisch, der hat doch bestimmt ein psychisches Problem, solange der Betroffene eigentlich glücklich und beschwerdelos ist. Der Unterschied zwischen einer psychischen Krankheit und einfach nur auffälligem Verhalten ist also, ob ich selber als Betroffener darunter leide. Genauso verhält es sich mit dem heutigen Themenanker.

Im Kapitel F42 im ICD10 steht nämlich die sogenannte Zwangsstörung beschrieben. F42.2 beschreibt Zwangsstörungen, die aus Zwangsgedanken und Zwangshandlungen bestehen. Wo ist jetzt der Unterschied? Nehmen wir einmal an, Du bist die Art Mensch der beim verlassen des Hauses wenige Minuten nachdem er die Tür hinter sich hergezogen hat, diese Frage im Kopf hängen hat, ist der Herd aus? Nehmen wir weiterhin an, Du bist die Art Mensch, der dann zurückgehen muss und nachschaut. Vorher lässt Dich der Gedanke nicht in Ruhe. Jetzt sind wir eben bei unserem Diagnosekriterium, ob Du darunter leidest, wenn Du nämlich einfach in die Wohnung zurückgehst, nachschaust und dann ist alles gut. Meinetwegen sogar zweimal. Aber eigentlich gibt es kein Problem, eigentlich ist alles entspannt und Du kannst aus dem Haus schlappen und gut ist, dann hast Du keine diagnostizierbare Störung.

Wenn Du aber so oft in die Wohnung zurücklaufen musst, um den Herd zu prüfen, dass Du Deine eigentliche Verabredung wegen der Du aus dem Haus gegangen bist, verpasst. Wenn Du darunter leidest, dass Dir das öfter passiert, wenn du vielleicht nicht nur den Herd checkst, sondern gleich Deine elektrischen Gerätschaften prüfst, oder wenn Du Dich selber zwingst, nicht in die Wohnung zu gehen, um den Herd zu überprüfen und deswegen den ganzen Tag quälend unter der Angst leidest, in eine abgebrannte Wohnung zurückzukommen, ja dann leidest Du darunter und dann haben wir eine diagnostizierbare Störung. Eine Zwangsstörung in dem Fall. Weil sie sich genauso in Deinem Kopf wie in Handlungen abspielt, fällt sie in Kategorie F42.2.

Die möglichen Zwangshandlungen sind vielfältig. Es gibt den bekannten Waschzwang. Menschen die sich wieder und wieder die Hände waschen aus Angst irgendwelche Keime auf ihren Händen zu haben. So wie die Fox Moderatorin Hanka Rackwitz. Die hat sogar ein Buch darüber geschrieben, indem sie ihr Leben beschreibt. Denn das ist für sie geradezu unerträglich. Alles was den Boden berührt, ist für sie schmutzig. Sie hat geradezu panische Angst, es dann auch zu berühren. Deswegen trägt sie zum Beispiel fast permanent Handschuhe und Gummistiefel. Denn in Gummistiefeln kann man rein- und rausschlüpfen, ohne sie anfassen zu müssen.

Oder die sogenannte Trichotillomanie. So bezeichnet man den Zwang Haare herausreißen oder Nägel abkauen zu müssen. Haar herausreißen meint dabei nicht nur die Haare auf dem Kopf, sondern zum Beispiel Wimpern oder Augenbrauen. Zum Problem wird es, wenn entweder kahle Stellen auftauchen oder zum Beispiel bei abgenagten Fingernägeln, die Umwelt negativ reagiert. Zum Beispiel gibt es Menschen, die anderen die Hand nicht mehr geben, sobald sie abgenagte Fingernägel sehen. Dann wird es wieder zum Problem für den Betroffenen.

Was kann man nun alles machen? Das hängt sehr davon ab, wie stark der Zwang ausgeprägt ist und mit welcher Art von Zwang wir es zu tun haben. Im allereinfachsten Fall helfen kleine rituale oder Verhaltenstherapien. Man lernt also als Betroffener die Handlung, die man loswerden möchte, durch anderes zu ersetzen oder geschickt damit umzugehen. In schweren Fällen oder Fällen die bis zum selbstschädigen gehen, da gibt es dann auch Medikamente mit denen man eingreifen kann oder sogar chirurgische Methoden – zum Beispiel Sonden, die im Gehirn eingesetzt werden und mit Stromimpulsen das Gehirn stimulieren.

Leider ist auch nicht wirklich komplett verstanden, wodurch Zwangsstörungen verursacht und verstärkt werden. Es gibt die verschiedensten Erklärmodelle und ganz ähnlich wie beim Schnupfen ist es manchmal auch einfach ein Symptom von anderen tieferliegenden Problemen. Wir Menschen sind einfach doch ganz schön kompliziert.

Bis bald.

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