328 Tage friedliche Revolution


Revolutionen sind meist gefährlich und oft gewalttätig. Aber nicht alle. 328 Tage dauerte die Revolution, die das vereinigte Deutschland produzierte.

http://www.dw.com/de/328-tage-von-der-revolution-zum-staatsvertrag/g-18727445

https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Schabowski

Bild: Von Lear 21 in der Wikipedia auf Englisch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3692038

 

#328 Tage friedliche Revolution

Revolutionen sind leider meistens gewalttätig, aber es gibt Ausnahmen. Und eine solche Ausnahme begann am 9.11.1989 in einer Pressekonferenz.

[Auszug aus der Pressekonferenz DDR-Reiseregelung [09.11.1989]

„Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […]”

Vielleicht hast Du es direkt erkannt, das war natürlich Günter Schabowski, der hier in einer noch historisch zu nennenden Pressekonferenz des SED Zentralkomitees bekannt gab, dass die DDR ihre Ausreisebestimmungen defacto aufhob.

Über Nacht war sozusagen die Mauer nach 28 Jahren offen. Für DDR-Bürger, zumindest jene, die unbedingt ausreisen wollten, war das ein Startschuss von historischen Ausmaßen. Noch über Nacht wurden tausende Ostberliner über die Grenzübergänge gelassen und im Westen begeistert empfangen.

Ich weiß noch wie meine Mutter damals vor’m Fernseher saß und fassungslos Rotz und Wasser geheult hat. Gerade für sie als Berlinerin war das ein riesen Moment. Aber damals haben viele vor’m Fernseher gesessen und geweint. Ich weiß zum Beispiel auch von meinem Schwiegervater, dass er genau dieselbe Reaktion hatte. Und wäre ich damals schon alt genug gewesen, um zu überreißen, was da eigentlich passiert – ich hätte vielleicht mitgemacht. So war ich aber nur verwirrt.

Was wir heute als praktisch Abschluss feiern, nämlich den Fall der Mauer, ist aber, wenn man sich es genau ansieht, eigentlich ein Beginn – nämlich der Beginn einer Revolution. Immerhin waren da ein souveräner Staat, der bisher seinen Bürgern die Ausreise verboten hatte und eine Schutzmacht, die eigentlich gar kein Interesse an einer Öffnung hatte und auf der anderen Seite ein westlicher Staat, der diese Mauer ja weg haben und die DDR als souveränes Staatsgebilde aufgelöst haben wollte und auch eine Schutzmacht mit ganz eigenen politischen Zielen. Unter Umständen also eine brenzlige Situation. Und mit einem Volk, das dazwischen steht und einfach mit Schwung Fakten schafft.

Die offiziellen Stellen der DDR jedenfalls befinden sich in heller Aufregung. Schnell wird noch mit Hans Modrow ein neuer Ministerratschef gewählt, der zu retten hat, was zu retten ist. Aber mangels Gefolgschaft aus seinen eigenen Parteireihen eigentlich nichts mehr zu melden hat. Und das ist eine Kerbe, in die Helmut Kohl dann auch noch zwei Wochen später reinschlägt.

Am 28. November 1989 stellte er einen 10-Punkte-Plan vor, mit dem er nicht nur gegenüber der DDR vorpräscht, sondern auch in Europa und im Ausland umfassend kritisiert wird. Die schockierende Forderung darin nämlich: Die Deutsche Einheit. Das hat damals nicht unbedingt jedes Land als wünschenswert angesehen.

Ab hier geht es jedenfalls turbulent weiter: Am 3. Dezember tritt unter öffentlichen Druck das komplette Politbüro und das Zentralkomitee inklusive des Staatschefs zurück. Im Ausland und unter den Siegermächten machte man sich jedenfalls eine Menge Sorgen. Das Bild von einem übermächtigen vereinten Deutschland wurde an die Wand gemalt. Am 11. Dezember gab es sogar noch eine Konferenz der vier Botschafter der Siegermächte in Berlin, bei denen genau diese Situation besprochen wurde.

Helmut Kohl reiste inzwischen nach Dresden. Am Flughafen erwarteten ihn 1.000 Demonstranten. Es ist der 19. Dezember 1989 und da traf er den richtigen Ton:

“Es ist eine Demonstration für Demokratie, für Frieden, für Freiheit und für die Selbstbestimmung unseres Volkes! Und liebe Freunde, Selbstbestimmung heißt für uns auch in der Bundesrepublik, dass wir Ihre Meinung respektieren. Wir wollen und wir werden niemanden bevormunden. Wir respektieren das, was Sie entscheiden für die Zukunft des Landes!

Und auch das, lassen Sie mich hier auf diesen traditionsreichen Platz sagen, mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation. Aber, liebe Freunde, Ihr Selbstbestimmungsrecht macht für die Deutschen nur einen Sinn: Wenn wir auch die Sicherheitsbedürfnisse der anderen dabei nicht aus den Augen lassen. Wir wollen in eine Welt hinein, die mehr Frieden und mehr Freiheit hat; die mehr Miteinander und nicht mehr Gegeneinander sieht. Das Haus Deutschland, unser Haus, muss unter einem europäischen Dach gebaut werden. Das muss das Ziel unserer Politik sein!”

Die europäischen Nachbarn, die westliche und die östliche Welt, wie es Kohl so schön nennt, die waren beeindruckt von dem Freiheitswillen des Deutschen Volkes und von der Friedlichkeit, aber der Bestimmtheit, mit der alle Seiten auf dasselbe Ziel zuzusteuern schienen. Aber harmlos war das trotzdem nicht.

Es kam dann in den folgenden Wochen zu Stürmungen der verschiedenen Stasi-Zentralen der DDR. Am 15. Januar 1990 schließlich wurde die letzte Stasi-Zentrale übernommen, zumindest die Letzte, die es noch irgendwie wert war, zu übernehmen. Nämlich die Stasi Zentrale in der Berliner Nomannenstraße. Hier lagerten umfassend alle Unterlagen der Stasi und damit auch alle Beweise für die unmenschlichen Machenschaften des Unterdrückungsstaates. Als aber die Demonstranten das Gebäude stürmen, sind die meisten Akten leider schon vernichtet.

Der nächste Meilenstein ist dann der 18. März 1990. Die erste freie Wahl seit Jahrzehnten in der DDR. Die SPD gilt damals unter Meinungsforschern als haushoher Favorit, aber es kommt zu einer Sensation, als nämlich Kohls Bürgerliche Allianz, so hieß seine Parteibasis in der DDR damals, erdrutschartig klar vor der SPD liegt. Damals wie heute haben Meinungsforscher einfach keine Ahnung, wie die Leute abstimmen werden. Wahrscheinlich zum Glück!

Ab hier geht es jetzt Schlag auf Schlag: Am 1. Juli 1990 wird die D-Mark eingeführt. Am 15. Juli sagt Gorbatschow Ja zur Deutschen Einheit. Am 23. August stimmt die Volkskammer der DDR ab und beschließen den Beitritt zur Bundesrepublik. Gregor Gysi, damals PDS Chef erntet für seinen Kommentar, das Parlament habe soeben nicht mehr und nicht weniger als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen, nur Gelächter.

Kurz vor knapp wird es dann nochmal eng: Am 12. September kommt es beinahe zum Eklat, als die damals Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion darüber verhandeln, wie viel Entschädigung für den Abzug der Roten Armee aus Ostdeutschland zu zahlen sind. 12 Mrd. waren ursprünglich einmal angedacht gewesen. Das ist zu wenig sagt Gorbatschow. Kohl legt, nachdem er zunächst hart geblieben ist, dann aber nochmal ein 3 Mrd. Darlehen drauf und damit ist der Weg frei für den sogenannten 2 + 4 Vertrag.

Und damit wird am 3. Oktober 1990 genau 328 Tage nach Beginn dieser Revolution ein Vertrag unterschrieben, mit dem diese Revolution beendet wird und die DDR offiziell der BRD beitritt, den Warschauer Pakt verlässt und damit das gegründet wird, was wir auch heute noch als Bundesrepublik Deutschland kennen.

Vor dem Reichstag wird um 0.00 Uhr die Deutsche Flagge gehisst. Annähernd 2 Mio. Menschen sind dabei.

Bis bald.

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